Zum Islam konvertiert mitten im Leben


Dienstag, 08.04.2008

Zum Islam konvertiert mitten im Leben

Elisabeth Müller hat nach langer Suche im Koran religiösen Frieden gefunden.

Von Klaus Müller-Wolf

Ihr Bekenntnis zum Islam sorgte 2006 für einen Paukenschlag in Niederkassel und führte dazu, dass Elisabeth Müller der SPD den Rücken kehrte, für die sie lange Jahre im Ortsverein und in der Ratsfraktion an vorderster Stelle gestanden hatte. „Für die meisten hatte ich einen an der Klatsche. Aber ich bin nur Gott Rechenschaft schuldig“, sagt sie. Nur wenige fragten ganz offen nach ihren Motiven für ihre innere Überzeugung. „Im Islam habe ich gefunden, wonach ich immer gesucht habe“, entgegnet sie.

2002 nach intensiver Auseinandersetzung mit allen Weltreligionen hatte sie sich dazu entschieden, Muslima zu werden. Den Entschluss fasste sie ganz allein, weihte selbst ihren Ehemann Hans Müller nicht ein. Der hat ihr inzwischen längst verziehen und unterstützt seine Frau bei ihrer Arbeit in der Türkisch-Islamischen Gemeinde. In der Moschee hat Elisabeth Müller als einziges deutsches Gemeindemitglied viel bewegt, verkrustete Strukturen und unzeitgemäße Traditionen aufgeweicht und die Integration auf den Weg gebracht.

Religion ist für die gebürtige Mönchengladbacherin immer von zentraler Bedeutung gewesen. „Ich stamme aus einer fundamentalistisch katholischen Familie“, erzählt die 67-Jährige. Nach dem Krieg war sie mit ihren Eltern und den Geschwistern nach Bad Godesberg gezogen zu ihrem Onkel Wilhelm Leonards, der katholischer Pfarrer in St. Andreas war. Der Vater, Bruder des Pfarrers, wird dort Küster und ist ihr großes Vorbild. Der fromme Mann engagiert sich auch außerhalb der Kirche für das Gemeinwohl in vielen Vereinen. Als sie 1959 ihren späteren Ehemann Hans Müller kennen lernt, einen Protestanten, setzt sie sich zunehmend kritisch mit der katholischen Kirche auseinander. Wegen der Haltung des Papstes zur Verhütung, aber auch zu den Glaubenskriegen in Irland und Libanon tritt sie 1972 aus Protest aus der Institution aus; der Kirche aber bleibt sie zum Beten, Nachdenken und Meditieren treu. Die gelernte Buchhalterin liest religiöse Bücher und hört Vorlesungen an der Bonner Uni über die großen Weltreligionen.

Im Koran findet sie die Antworten, die sie immer gesucht hat. „Der Islam ist eine Religion für den Einzelnen, viel persönlicher als das Christentum und mystischer“, sagt sie. „Der Islam verlangt mehr Eigenverantwortung, und ich bin es doch, die sich irgendwann verantworten muss. Und Allah und Gott sind für mich sowieso eins.“

Ihren Wechsel zum Islam hat Elisabeth Müller für sich im stillen Kämmerlein vollzogen, ein öffentliches Glaubensbekenntnis nie abgelegt. Die Nähe zur Moschee in Lülsdorf habe keine Rolle gespielt. Die sei für Konvertiten eher ungeeignet, weil dort fast nur Türkisch gesprochen werde.

Als sie Niyaze Ileli, den damaligen Vorsitzenden der türkischen Gemeinde, den sie durch die Parteiarbeit kennt, ankündigt, in der Gemeinde mitzuarbeiten, ist die Freude groß. Dank ihrer Beziehungen kann sie den zurückhaltenden Türken viele Türen öffnen. „Es war ein gegenseitiges Nehmen und Geben. Ich habe viel gelernt, auch zu unterscheiden zwischen den Aussagen des Koran und alten Traditionen.“ Das Kopftuchtragen gehöre zu letzteren, ebenso wie die häufige Separation von Frauen und Männern. Im Koran seien Männer und Frauen gleichberechtigt und einer der Beschützer des anderen. Als Vermittlerin und Vorstandsmitglied genießt sie hohe Anerkennung und hat viel für die Gleichberechtigung der Frauen in der Gemeinde beigetragen, die seither viel selbstbewusster sind und einen eigenen Frauenrat gegründet haben. Schauten die Männer zuerst noch komisch, wenn sie sich in der Moschee zum Tee oder Kaffee zu ihnen setzten, so gucken sie jetzt sogar gemeinsam fern. Mit Deutsch-und PC-Kursen, Hausaufgabenhilfe setzt sich Elisabeth Müller für bessere Bildungschancen nicht nur der türkischen Kinder ein. „Unsere Angebote werden auch zunehmend von deutschen Kindern genutzt“, sagt sie.

Längst ist wieder der Alltag im Hause Müller eingekehrt. Dazu gehört, dass Elisabeth Müller sowohl die Homepage der Türkisch-Islamischen Gemeinde als auch die des Bürgervereins für Lülsdorf und Ranzel gestaltet. Dort ist ihr Mann Geschäftsführer. Hüben wie drüben hat ihr Engagement für den Abbau von Schwellenängsten und Vorurteilen gesorgt und nicht nur ihr Mann Hans hat festgestellt: „Die beißen gar nicht!“ (Klaus Müller-Wolf)

Aus Rhein-Sieg Rundschau von 03.03.08 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

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