Archive for the ‘Meine Religion – der Islam’ Category

Engel im Islam

22. Februar 2020

Gesandte im Auftrag Gottes

Sie sind nicht nur auf Gemälden oder als Skulpturen in den Kirchen zu finden, sondern hängen auch an Christbäumen. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit umgeben uns Engel mehr denn je. Immerhin jeder zweite Deutsche glaubt an ihre Existenz – laut einer aktuellen Studie. Engel kommen in vielen Religionen vor, auch im Islam.

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Einer der wichtigsten Engel ist Gabriel, 
auf Arabisch Dschribil, er hat nach der islamischen
Überlieferung dem Propheten Mohammad den Koran 
offenbart. 
Auf dieser alten persischen Miniatur sind 
Mohammad und Gabriel vor einem riesenhaften Engel 
zu sehen 

Im Koran ist wie im Christentum ein Engel beauftragt, Marias Empfängnis auf Geheiß Gottes anzukündigen. Bei der Geburt Jesu war es ebenfalls ein Engel, der die Jungfrau Maria in ihrer Einsamkeit begleitete und ihr Trost schenkte.

Maria ist die auserwählte Frau der Welt.

Auch Muslime glauben also wie Christen an Engel, an aus Licht erschaffene Wesen, die im Auftrag Gottes handeln. Sie sind körperlose, überirdische Geschöpfe, die still und unsichtbar an der Seite der Menschen sind. Es ist im Koran die Rede von unzähligen Engeln.

Sie heißen auf Arabisch Malak und haben viele Aufgaben. Im Koran werden sie Diener Gottes genannt (siehe Koran, Sure 43:19). Im Koran heißt es auch, dass Engel aus Licht gemacht sind, Flügel haben und sogar die Gestalt eines Menschen annehmen können.

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Zu den bekanntesten gehört Gabriel, dem die Muslime die Überbringung der Offenbarung des Koran verdanken. Über einen Zeitraum von mehr als 22 Jahren hat er die Worte und die Botschaft Gottes an den Propheten Muhammad vermittelt. Ein weiterer Engel, der Todesengel, ist stets präsent. Er nimmt die Seelen und begleitet die Menschen in das ewige Leben. Und es sind Engel, die beim Eingehen ins Paradies den Friedensgruß sprechen. In den koranischen Erzählungen sind sie die helfenden Kräfte, die den Menschen in Not oder im Kampf gegen das Böse zur Seite stehen.

Die Stimme des Gewissens

Muslime meinen, dass zwei Engel die Menschen immer begleiten: Der Engel auf der rechten Schulter verzeichnet die guten und der auf der linken die schlechten Taten im „Buch des Lebens“, das vor dem Gericht Gottes aufgeschlagen wird. Sie werden nicht „Schutzengel“ wie im Christentum genannt, sind aber in gewisser Weise auch Hüter – die Stimme des Gewissens, die die Menschen vor dem Bösen warnt. Dennoch sind es im Islam nicht die Engel, die beschützen, sondern es ist letztendlich Gott. Man wünscht sich die Begleitung Gottes und nicht die Begleitung der Schutzengel.

Gesandte im Auftrag Gottes:

Es gibt zwar Bilder, die die Engel als Wesen mit Flügeln darstellen, anders als in den christlichen Kirchen sind in den muslimischen Gebetshäusern und Moscheen jedoch keine Abbildungen und Statuen von ihnen zu finden. Ihre Rolle ist nicht so sichtbar und inspirierend für Literatur und Kunst, wie man es aus der christlichen Tradition gewohnt ist.

Ein zentraler Glaubensgrundsatz

Der Glaube an die Existenz von Engeln gehört auch heute zu den zentralen Glaubensgrundsätzen im Islam, wie unter anderem auch der Glaube an den einen Gott oder an die Propheten. Vorwiegend ist dabei der Glaube an den Engel Gabriel, den Überlieferer des Koran, präsent.

Sicher ist nach der islamischen Überlieferung: Auch das Ende der Welt wird von einem Engel – Israfil – mit einer Posaune angekündigt. Und: Am Jüngsten Tag werden die Engel scharenweise zusammenkommen. Vielleicht wird uns dann offenbart, was wir immer gerne über sie wissen wollten!  Von Hamideh Mohagheghi

Opferfest

14. Februar 2020

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Das islamische Opferfest

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Scharia

14. Februar 2020

Gesetze: Islamisches Recht ist alles andere als starr.

Es lasst Spielraum für Interpretationen

In der Wüste auf der Arabischen Halbinsel ist der Weg zur Wasserstelle der Weg zum Leben. Zu Zeiten des Propheten Mohammed vor rund 1600 Jahren wie heute ist in dieser unwirtlichen Gegend jeder dem Tod geweiht, der ihn nicht kennt. Im Arabischen gibt es für den „Weg zur Wasserstelle“ ein einfaches Wort: Scharia.

Der „Weg zur Wasserstelle“ ist für Muslime im übertragenden Sinn also nicht nur der Weg zum Leben, sondern der Weg zu Gott.

Wer die Vorschriften der Scharia achtet, der lebt ein Leben nach den Regeln des Allmächtigen. Er kann auf Rettung hoffen, selbst in trockensten Zeiten. So weit, so einfach.

Doch längst ist das Wort „Scharia“ zu einem Kampfbegriff geworden, in dem es um viel mehr geht. Wenn muslimische Extremisten in Pakistan oder Afghanistan die Scharia einführen wollen, dann suchen sie nicht den Weg zur Wasserstelle und zu Gott.

Der Ruf nach der Scharia ist Symbol für ihren Griff nach der Macht und ihren Kampf gegen die Moderne und die Einflüsse des Westens.

Das „Gesetz Gottes“ wenden sie in simplifizierter Form an. Es manifestiert sich in der Unterdrückung der Frau und archaischen Strafen: Hand abhacken bei Diebstahl, Steinigung bei Ehebruch. Fatalerweise ist es den Extremisten gelungen, die Interpretationshoheit über die Scharia zu gewinnen. Als Scharia gilt, was sie zur Scharia erklären. Abweichler werden des Abfalls vom Glauben bezichtigt.

Daher ist die Scharia längst nicht auf wenige, einfache und brutale Strafen zu reduzieren.

Im Gegenteil:

Sie ist ein komplexes Gebilde, über das sich Gelehrte in verschiedenen Teildisziplinen der islamischen Rechtswissenschaft (Fiqh) seit Jahrhunderten streiten. Aus der Scharia als von Gott geoffenbarte Ordnung ergibt sich beileibe kein starres, kodifiziertes und unveränderliches, geschweige denn ein in der islamischen Welt einheitliches Recht.

Die Scharia beruht zwar unter anderem auf dem Koran, die die Muslime als das vom Menschen unbeeinflusste Wort Gottes betrachten. Doch sind in dem Heiligen Buch nur wenige Normen und Regeln zu finden, die keiner Interpretation des Menschen bedürfen.

Vieles bleibt offen, vage oder ist gar nicht erwähnt. Selbst wenn eine Regelung eindeutig formuliert ist, bleibt häufig unklar, unter welchen Bedingungen sie gilt.

 Hier müssen die muslimischen Rechtsgelehrten mit eigener intellektueller Anstrengung zu Antworten kommen.

Auch wenn häufig das Gegenteil behauptet wird:

Das islamische Recht ist durchaus vom Menschen gemacht. Es kann sich deshalb auch an veränderte politische und gesellschaftliche Verhältnisse anpassen.

Manche Islamwissenschaftler sagen sogar: Die Regeln der Scharia sind immer so modern und so konservativ wie diejenigen, die das Wort Gottes auslegen.

So gibt es in der islamischen Welt ganz unterschiedliche Rechtstraditionen. Deutlich sind etwa die Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten.

In der sunnitischen Rechtswissenschaft wiederum bildeten sich seit dem achten Jahrhundert n. Chr. vier große Rechtsschulen aus: die Hanafiten, die Malikiten, die Schafiten und die Hanabiten, jeweils benannt nach ihren Gründern. Weil sie unterschiedlichen Lehrsystemen folgen, kommen sie teilweise zu völlig unterschiedlichen Reglungen.

Das islamische Recht erhebt den Anspruch, nicht nur die Religion und ihren Ritus zu regeln, sondern alle Bereiche des menschlichen Lebens. Es befasst sich folglich mit Erbrecht, Ehe- und Familienrecht, Wirtschaftsrecht ebenso wie mit Straf-, Staats- und Verwaltungs- und Völkerrecht.

Dabei bewegen sich die Gelehrten nicht in einem luftleeren Raum, sondern sind an genau definierte Rechtsquellen gebunden. Fraglos ist der Koran der wichtigste dieser Quellen.

Beinahe ebenso bedeutend ist die Sunna, also die Worte und Taten des Propheten Mohammed, die als Vorbild gelten.

Beide Rechtsquellen sind für die Gelehrten jedoch mit erheblichen Problemen verbunden. Im Koran zum Beispiel ist die Mehrheit der Regeln und Normen nicht nur mehrdeutig festgelegt – teilweise sind sogar gegensätzliche Vorschriften zu finden.

So wird die Eigenschaft des Weins in Sure 16 gepriesen, während er in Sure 5 als „Gräuel von Satans Werk“ bezeichnet wird.

In solchen Fällen müssen die Rechtswissenschaftler entscheiden, welcher Vers einer Sure einen anderem abrogiert, also ungültig macht, zum Beispiel weil er Mohammed von Gott nach Auffassung muslimischer Experten später offenbart wurde.

So diskutieren die Rechtsgelehrten sehr lange die Frage, ob Alkohol generell oder nur Traubenwein verboten ist.

Widersprüchlich sind in vielen Fällen auch die Worte und Taten des Propheten.

Die Sunna wirft darüber hinaus noch ein ganz anderes Problem auf. Weil ihr ein so hoher Stellenwert eingeräumt wird, entwickelte sich eine aktive Fälscherindustrie, die erdachte Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds in Umlauf brachte, um die eigene Meinung möglichst hieb- und stichfest zu untermauern.

Um diesem Problem Herr zu werden, entwickelte sich eine besondere Disziplin, die sich damit beschäftigt, „falsche“ von „richtigen“ Überlieferungen zu unterscheiden.

Eine Prophetentradition gilt nur dann als „wahr“, wenn die Überlieferungskette (Isnad) lückenlos ist und die einzelnen Überlieferer zuverlässig sind. Es liegt in der Natur des Menschen, dass die Gelehrten auch in diesem Fall zu sehr unterschiedlichen Ansichten gelangen.

Zwei Fachleute, drei Meinungen – dieses abfällige Urteil über die Konsensfähigkeit der Experten ist (nicht nur) unter Muslimen weitverbreitet.

Dies gilt umso mehr, da Koran und Sunna längst nicht ausreichen, um das Leben der Muslime umfassend zu regeln.

Beide Rechtsquellen können nur schwerlich beantworten, ob eine Frau Auto fahren darf, wie es in Saudi-Arabien diskutiert wurde. Gestützt auf Koran und Sunna gilt deswegen der Konsens der Rechtsgelehrten (Idschma) als weitere Rechtsquelle.

Dabei stellt sich jedoch die Frage, welche Experten überhaupt übereinstimmen müssen, und wie ein Konsens festgestellt wird. Eine eindeutige Antwort lässt sich nicht finden. Einen „Konsens“ über den Konsens gibt es nicht. Um zu gottgefälligen Normen und

Regeln zu kommen, dürfen sich die Rechtsgelehrten auch des Analogieschlusses bedienen – die Regelung eines Falles darf auf einen anderen übertragen werden, soweit die beiden Fälle vergleichbar sind. Das Gewohnheitsrecht spielt ebenso eine Rolle, jedenfalls wenn es anderen Rechtsquellen nicht widerspricht. Auch regional unterschiedliche Bräuche fanden Einzug in das islamische Recht.

Vor allem in den frühen Jahren des Islam – als sich die verschiedenen Rechtschulen herausschälten – war es unter den Rechtsgelehrten gang und gäbe, durch eigene intellektuelle Leistungen zu Regeln zu kommen. Idschtihat nennt sich dieses eigenständige Räsonnement in der arabischen Fachsprache.

Je mehr sich jedoch die Rechtsschulen ausformten und auch in Konkurrenz zueinander standen, desto bedeutender wurde seit dem 10 Jahrhundert der „Taqlid“. Die mehr oder minder kritiklose Übernahme der Entscheidungen, die die Rechtsautoritäten bis dahin gefällt hatten.

Das „Tor des Idschtihad“ schloss sich.

Umstritten unter Islamwissenschaftler ist jedoch bis heute, ob es gänzlich verrammelt war. Die islamische Reformbewegung, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte, versuchte mit einigem Erfolg, es wieder aufzustoßen.

Islamische Reformer berufen sich heute im Wesentlichen auf den Idschtihad. Sie argumentieren, das islamische Recht müsse den Gegebenheiten der modernen Welt angepasst werden. Sie stoßen dabei auf heftigen Widerstand der Anhänger des Taqlid, die sich als Lordsiegelbewahrer der Tradition geben

Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe

Wer sich sehr stark an den Wortlaut eines Korantextes orientiert, der wird beispielsweise diese patriarchalische Grundstruktur im Geschlechterverhältnis beibehalten. Wer – wie andere Gelehrte das tun – eine dynamische Lektüre bevorzugt, wer nach Sinn und Zweck dieser Regelungen fragt, der wird sagen, die Antwort des 7. Jahrhunderts kann eine andere sein als eine im 21. Jahrhundert, und prüft dann, welche Erfordernisse im 21. Jahrhundert bestehen. Der Islam hat in seiner Geschichte einigen Erfolg gehabt, weil und soweit es ihm gelungen ist, sich an die jeweiligen örtlichen und zeitlichen Verhältnisse auch anzupassen. Ein gewisser Kernbestand des Glaubens ist unantastbar, also das Bekenntnis zu dem einen Gott und die fünf Säulen, aber in allen anderen Bereichen gibt es ein sehr hohes Maß an Flexibilität. Das hat es gegeben und gibt es auch nach wie vor. Von daher muss man schon sagen, das Bild ist sehr bunt geworden.über islamisches Recht

Alle sprechen zwar von Scharia und manchen Auswüchsen des islamischen Rechts wie den harten Strafen, der Diskriminierung der Frauen und den zahllosen Verhaltensvorschriften. Wirklich bekannt ist das vielfältige, uneinheitliche, durch viele Schulen gekennzeichnete islamische Recht hierzulande aber nicht. Prof. Dr. Mathias Rohe, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg, gilt als einer der besten Kenner des islamischen Rechts in Deutschland. Mit seinem Buch Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart hat er eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Wenn die Menschen heute den Begriff Scharia hören, denken viele an drakonische Körperstrafen und ähnliches. Was genau ist Scharia? Ist Scharia das islamische Recht, oder muss man da differenzieren?

Mathias Rohe:Ich denke die Übersetzung als islamisches Recht ist verkürzt. Scharia ist mehr als das, jedenfalls nach dem Verständnis vieler Muslime, die einen weiten Begriff anlegen und die unter Scharia alle religiösen und rechtlichen Normen des Islam verstehen, einschließlich der Methoden, wie man sie zu interpretieren hat. Das wird ein sehr komplexes Gebäude. Das sind Dinge wie Vertragsrecht, wie Fasten, wie Bekenntnis zu dem einen Gott, dann aber auch Strafrecht und ähnliche Dinge mehr.

Es gibt ein engeres Verständnis, das sich mehr auf die problematischen Anteile konzentriert, wie wir sie in der traditionellen Scharia haben, wie etwa diese drakonischen Körperstrafen, wie Ungleichbehandlung der Geschlechter und ähnliche Dinge mehr, wie wir sie auch in der abendländischen Rechtskultur früher kannten.

Wie hat sich das islamische Recht herausgebildet? Auf welche Quellen basiert es?

Mathias Rohe:Über das erste Entstehungsjahrhundert wissen wir herzlich wenig. Erst so ab dem zweiten Jahrhundert bildet sich so allmählich eine strukturierte Rechtswissenschaft heraus. Die stützt sich dann natürlich vor allem erstmal auf den Koran, soweit da überhaupt rechtliche Dinge drinstehen. Das ist sehr wenig dort. Sie stützt sich zunehmend auch auf Überlieferungen des Propheten des Islam Muhammed, wobei da die große Schwierigkeit war und ist, die gefälschten von den echten zu unterscheiden. Die meisten sind nicht echt. Das weiß auch die muslimische Tradition. Daher hat sich hier eine ganze Reihe zusätzlicher Methoden entwickelt: Konsensbeschlüsse der Gelehrten, bei denen sehr fraglich ist, wie die gebildet werden oder wie lange die zu gelten haben, Analogieschlüsse und ähnliche Dinge. Also auch da ein ganz breites Repertoire. Dies hat sich im Wesentlichen im zehnten, elften Jahrhundert herausgebildet und sich dann bis ins 19. Jahrhundert hinein verfestigt, wo wir dann die ersten großen Reformen erleben.

Was für Auswirkungen hatten diese Reformbewegungen auf das islamische Recht?

Mathias Rohe:Es hat sich gründlich, wenn man so will, modernisiert. Viele Gelehrte haben das so empfunden, dass über die Jahrhunderte eine Erstarrung eingetreten ist, dass man dem eigenständigen freien Nachdenken und Interpretieren nicht mehr genügend Raum gelassen hatte, dass dieses eigenständige Interpretieren – das sogenannte Idschtihad – wieder mit neuem Leben erfüllt werden müsse. Und ganz konkret geht es dann sehr häufig um Reformen oder Neuinterpretationen im Sinne von Frauen, also um die Verbesserung von Frauenrechten, die von Kindesrechten und in einem gewissen Umfang auch die der Rechtsstellung von nicuslimischen Minderheiten und ähnliches.

Was für eine Relevanz hat das islamische Recht noch heute in der islamischen Welt?

Mathias Rohe: Das ist sehr unterschiedlich. Einige wenige mehrheitlich von Muslimen bewohnte Staaten haben das ganz abgeschafft, die Türkei schon seit über 80 Jahren, auch die Staaten des Balkan. Dann gibt es andere große muslimische Staaten, in denen es das islamische Recht nur in einzelnen Facetten gibt, wie Indonesien, Malaysia, Pakistan, Indien. In vielen Staaten der islamischen Welt haben sich Teile noch gehalten, vor allem im Bereich des Familienrechts, des Personenstandrechts oder des Erbrechts, in einigen wenigen Staaten aber auch diese drakonischen Körperstrafen, die natürlich ganz große Probleme machen.

Es existieren im Islam vier große Rechtsschulen. Sind diese noch vorhanden oder haben sie sich im Laufe der Modernisierung mehr oder weniger aufgelöst?

Mathias Rohe:Im Rechtsbereich haben sich diese weitgehend aufgelöst, weil es für zulässig erachtet wurde, dass man mehr und mehr auch aus den Meinungen anderer Rechtsschulen geschöpft und diese Meinung um Gesetz gemacht hat, so dass wir zum Beispiel in Ägypten eine Mischform von shafiitischem, hanefitischem und malekitischem Recht haben. In einigen Staaten ist es noch so, dass man dann, wenn es keine bestimmten Gesetze gibt, auf die Ansichten einer bestimmten Rechtsschule zurückgreifen soll. Aber insgesamt muss man sagen, dass sich diese Schulen stärker im religiösen Bereich erhalten haben, wo es zum Beispiel Unterschiede gibt, wie man sich beispielsweise beim Gebet ganz genau körperlich verhalten soll, während sie im Rechtsbereich eigentlich weitgehend ihre Bedeutung eingebüßt haben.

Wenn man sich die heutigen islamistischen Ideologen anschaut, die etwa Terror als legitimes Mittel ansehen, dann lehnen die Rechtsschulen dies als unerlaubte Neuerung ab. Kann eine Ablehnung der traditionellen Rechtsschulen zu solch einer Radikalisierung führen?

Mathias Rohe: Manche der Traditionellen, die Gewalt sehr stark ablehnen, sagen, gerade sie seien der Garant dafür, dass die Religion nicht aus dem Ruder läuft. Ich glaube allerdings nicht an diese stabilisierende Wirkung irgendwelcher Schulen im Moment. Woher holen die Radikalen ihre Ansichten? Woher holt eine junge Muslimin, ein junger Muslim heute die Informationen, wenn sie irgendetwas über ihren Glauben wissen wollen? Shaykh Google! Also man geht ins Internet. Man guckt, was man da für Botschaften findet. Und da gibt es keine Websites irgendwelcher Rechtsschulen, sondern vielleicht von irgendwelchen charismatischen Figuren, von irgendwelchen Exzentrikern, Extremisten oder Reformern. Da kann man sich das ganze Repertoire holen. Die Globalisierung hat auch vor dem Islam nicht Halt gemacht, und es ist noch völlig unausgelotet, wohin eigentlich in dieser Hinsicht die Reise gehen wird.

Was für eine Rolle spielt das islamische Recht für die in Deutschland lebenden Muslime?

Mathias Rohe: Es kann eine Rolle spielen, soweit das deutsche Recht das vorschreibt oder zumindest zulässt. Eins muss klar sein – man hat verbreitete Ängste vor einer Islamisierung Europas oder Deutschlands, diese Ängste sind aus Rechtssicht vollkommen unbegründet, denn es gilt alleine deutsches Recht in Deutschland. Es ist ein internationaler Grundsatz, dass das nationale Recht gilt. Aber das deutsche Recht sieht in bestimmten Fällen vor, dass wir ausländisches Recht, sei es nun französisches oder jordanisches oder brasilianisches Recht, in bestimmten Fällen privater Beziehungen anerkennen, bei denen wir davon ausgehen, dass die Menschen unter der Geltung fremden Rechts ihre Verhältnisse geordnet, eine Ehe geschlossen, zwanzig Jahre gelebt, Ehegüter und ähnliches mehr erworben haben, und dass sie dann, wenn sie nach Deutschland kommen, nicht auf einmal deutschem Familienrecht unterliegen sollen, das sie inhaltlich vielleicht gar nicht kennen und das ihre Erwartungen enttäuschen würde. Also in diesen Fällen ist unser Recht der Auffassung, dass die Anderen näher dran sind, weswegen wir dieses fremde Recht annehmen.

Aber auch das hat eine Grenze in der ordre publique, das heißt, wenn das Ergebnis der Anwendung dieses fremden Rechts mit unseren Rechtsvorstellungen so über Kreuz liegt, dass es für uns unerträglich wäre, dann sagen wir, wir sind nicht bereit, diese fremden Normen in diesem Fall anzuwenden, d.h. wir behalten uns auch da die Souveränität vor, uns zu entscheiden, ob und wie weit wir diese fremden Normen anwenden. Dazu kommt noch das so genannte dispositive Recht, das Bürgerliches Recht, also beispielsweise um die Möglichkeit, selbst Verträge gestalten zu können. Mittlerweile gibt es islamische Investments und ähnliche Dinge mehr, das ist rechtlich gesehen zulässig. Es gibt Ökobanking, es gibt christliche Investments, warum soll es keine islamische Investments geben? Wenn das seriös betrieben wird, die Leute nicht über den Tisch gezogen werden, was leider manchmal auch vorkommt, dann ist das zulässig, auch wiederum im Rahmen des deutschen Rechts.

Was sagt das islamische Recht über die Muslime aus, die in einer nicuslimischen Rechtsordnung leben?

Mathias Rohe: Es gibt eine 1000 Jahre alte Tradition im islamischen Recht, die so ungefähr besagt, dass der Muslim, der sich im nichtislamischen Ausland aufhält, die dortigen Gesetze respektieren und einhalten muss, wenn er dort genug Sicherheit hat und seinen Glauben nicht aufgeben muss. Wenn er unter Bedrohung kommt, dann soll er wieder auswandern. Nach dieser alten Lehre ist es also eine Pflicht des ordentlichen Muslims, die Gesetze einzuhalten, nicht nur weil dies verlangt wird, sondern auch aus seinen religiösen Gründen.

Man muss allerdings auch sagen, dass diese alte Lehre aus einer Zeit stammt, in der sich die Lager oft feindselig gegenüber standen. Man ahnt darin den Geist dieser Konfrontation, die von beiden Seiten bestand. Deswegen sagen sehr viele Gelehrte heute, das sei ein veraltetes Konzept. Das steht auch nicht im Koran, sondern das haben die Juristen so entwickelt. Sie sagen, heute leben wir alle auf einer Erde und nicht mehr in zwei verschiedenen Lagern. Deswegen sei es auch wichtig, dass sich die Menschen als Staatsbürger in den Staaten engagieren, in denen sie leben, egal ob sie Muslime, Juden, Christen, Atheisten oder was auch immer sind. Sie sollten das als gemeinsame Aufgabe ansehen. D.h. im Grunde sehen sie auch Länder wie Deutschland oder Frankreich als islamische Länder an, weil man dort nämlich auch die Religion des Islam im Rahmen der Religionsfreiheit frei praktizieren kann .

Oft wird das islamische Recht insgesamt als veraltet dargestellt. Gibt es überhaupt moderne Ansätze?

Mathias Rohe: Die gibt es durchaus. Wenn wir uns heute das Szenario des islamischen Rechts anschauen, zum Beispiel im Familienrecht oder Erbrecht – das ist der Bereich, in dem islamische Traditionen noch am stärksten vorhanden sind -, dann erkennen wir immense Unterschiede etwa zwischen Marokko und Tunesien auf der einen und Saudi-Arabien und anderen sehr traditionellen Staaten auf der anderen Seite, obwohl die alle von sich sagen, dass sie auf der Basis der Scharia, der islamischen Normenlehre, ihre Normen geschaffen hätten. Woher kommt das? Nun, weil die Quellen unterschiedlich gelesen werden.

 

Beten gibt mir Ruhe

14. Februar 2020

Der verfälschte Islam

23. November 2019

Der Theologe Yasar Nuri Öztürk ist in Deutschland durch seine Bücher 400 Fragen zum Islam – 400 Antworten sowie Rumi und die islamische Mystik bekannt geworden. Sein Buch ist eine für den deutschen Leser erstellte Kurzfassung der im türkischen Original mehr als 600 Seiten umfassenden kritischen Betrachtung zur ‚Geschichte des Islams‘. Diese stand im Jahr 2000 für Monate auf den türkischen Bestsellerlisten und erlebte in kurzer Zeit mehr als zehn Auflagen.
Im ersten Teil des Buches werden vier Grundbegriffe vorgestellt, an denen sich Degenerationserscheinungen und verfälschende Tendenzen im Islam ablesen lassen: Aberglaube, Häresie, Politisierung und Deifizierung. Der zweite Teil behandelt in alphabetischer Reihenfolge etwa 50 Begriffe aus den genannten Themenbereichen. Meint der Begriff ‚Dschihad‘ wirklich ‚heiliger Krieg‘ und kann er zur Rechtfertigung von Gewalt dienen? Sieht der Koran wirklich für die Muslime, die zu einer anderen Religion konvertieren, die Todesstrafe vor? Mit diesen und vielen anderen Verfälschungen und erfundenen Neuerungen räumt Öztürk auf.

Bewertung dieses Buches von Elisabeth Mariam Müller

Dieses Buch ist sehr lesenswert und erhält viele Informationen wie über Jahrhunderte der Islam und seine Auslegungen verfälscht wurde. Und ist eine gute Grundlage für alle die, die einen liberalen Islam wollen.
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Religion wieder herstellen wollen, so wie er im Koran auch verkündet wurde.
Vor allem zeigt er auch, wie die Hadithe verfälscht wurden und auch ein Verständnis gekommen ist, dass oft mit dem Inhalt des Korans nicht übereinstimmt. Diese Praktiken sind oft eine Missachtung nicht nur des Propheten, sondern auch des Korans.

Ein Gottesdienst der besonderen Art.

31. März 2019

Die evangelischen Christen der Kölner Südstadt, die Muslimische Gemeinde Köln, die Jüdische Gemeinde Köln und die Bahai-Gemeinde haben zum gemeinsamen Gebet in der Martin-Luther-Kirche aufgerufen. Ich habe mich dazu entschlossen, darüber zu schreiben, weil ich in Twitter angegriffen werde, nur weil ich geschrieben habe, dass was dort geschrieben ist, nicht mein Islam. Mein Islam ist die Religion der Barmherzigkeit.

Der Pfarrer Hans Mörtter und die Imamin Rabeya Müller begrüßten die Gottesdienstbesucher, beide gedachten der Menschen, die zwei Tage vorher in Neuseeland, in zwei Moscheen von einem Fanatiker erschossen wurden.

Wenn Menschen sich mit Achtung und Liebe begegnen, würden Terroristen keine Menschen anderen Glaubens töten. So beteten all für diese Menschen und der Angehörige.

Ein Gebetsruf, der ja sonst von den Minaretten gerufen wird, erschallte in der Kirche. „“Kommt zum Gebet, kommt zum Guten, Gott ist größer, es gibt keinen Gott außer Gott“.

Im Psalm 23 hieß es:“ Gott weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern, zu Wassern der Ruhe leitet Gott mich sanft.“

Rezitation aus dem Koran: Und zu den Zeichen Gottes gehört es, dass ER den Blitz zur Furcht und gleichzeitig zur Hoffnung zeigt und Wasser vom Himmel sendet und damit die Erde nach ihrem Tod belebt. Hierin sind Zeichen für Menschen, die begreifen. 30-24

Die Lesung aus dem 1. Korinther – Kapitel 13,1-13 trugen der Pfarrer und die Muslimin vor. Der letzte Satz hieß: “Nun aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken, beide aber die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe.“

Liederrefrain: Egal, wer du auch bist, wer du bist, ob Jude, Muslim, Hinduist, ob Christ, Buddist, ob Atheist, das ist kein Grund für Zwist und Streit und Krieg, o nein, o nein.“

Anschließend wurde ein Gebet des jüdischen Vertreters vorgetragen, ihm folge die Vertreter der Bahais.

Die Predigt über die Liebe, die Liebe von Gott zu den Menschen, hielt der Pfarrer, anschließend die Imamin der Muslime und der jüdische Vertreter las ein Gebet aus der Thora vor und Bahai-Gebete, sie zeigten, dass wir alle an den einen Gott glauben, den Gott der die Welt und uns Menschen erschaffen hat.

Bekenntnis das gemeinsam gesprochen wurde, beinhaltete, dass Gott uns alle erschaffen hat. Gott hat uns Zeugen und Zeuginnen erwählt, wie Noah, Abraham und Mose, und durch Propheten gesprochen hat, wie durch Jesus, den Sohn der Mirijam-Maria und für die Musliminnen und Muslimen durch Mohammed.

Danach sangen die Gottesdienstbesucher das Lied „Der Kölsche Stammbaum“ (mit akutalisiertem Text)

„Ich bin stolzer Syrer – floh vor der Isis Legion
Und ich bin eine Roma – aus der Kosovo Region.
Ich komme aus Nigeria – und aus Afghanistan.
Wir sind zu Euch geflüchtet, so fing alles an

Aus Afrika gekommen – sind alle Menschen dieser Welt.
Ich hab ein Boot genommen – von meinem letzten Geld.
Wir sind Kurden und Jesiden – sind Menschen vor dem Herrn.
Wir suchen hier den Frieden – der Heimat ach so fern.

Ich kam aus der Ukraine – dort stand mein Elternhaus.
Das Land um das ich weine – das blutet langsam aus.
Meine Heimat musst ich lassen – das Herz ist mir so schwer.
Versuche Fuß zu fassen – drum kam ich zu euch her.

Ich bin Nordafrikaner – und ich aus Pakistan.
Und ich bin eine Perserin – gefloh´n aus dem Iran.
Ich spreche Farsi, Urdu, Paschtu – Arabisch und Sanskrit
Jetzt lerne ich die kölsche Sproch – und singe mit üch mit.

Su simmer all he hinekumme, mir sprechen hück al dieselve Sproch.
Mir han dodurch su vill gewonne. Mir sin wie mir sin, mir Jecke am Rhing.
Dat es jet, wo mer stolz drop sin.

Am Schluss beteten alle gemeinsam:

Unser Gott im Himmel, geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel und auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergibt uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und leite uns aus den Versuchungen, und erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.  
Anschließend haben die Muslime zum gemeinsamen Brunch eingeladen, 17.03.2019




SZ.de „Es gibt keinen Papst im Islam“

12. Dezember 2018

Bund und Länder wünschen einen klaren Ansprechpartner bei den Muslimen. Aber so einfach geht das nicht.

Von Rabeya Müller

Rabeya Müller,61, arbeitet beim Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung in Köln, ist Gründungsmitglied des Liberal Islamischen Bundes und Imamin bei der Muslimischen Gemeinde Rheinland

Die Deutsche Islamkonferenz hat wieder einmal die Frage aufgeworfen: Wer spricht eigentlich für die Musliminnen und Muslime in Deutschland? Die theologisch konservativen Verbände? Kleine Gruppen wie die liberalen Muslime, die Religion und liberales Denken verbinden wollen? Die säkularen Muslime, die sich medienwirksam vor dem Treffen zusammengeschlossen haben, teils scharfe Religionskritik üben und für eine strikte Trennung von Staat und Religion eintreten?

Jede Religionsgemeinschaft sucht sich selbst die Quellen, nach denen sie sich richten will und soll. Dabei geht es auch um den Anspruch des Grundgesetzes, gut und vernünftig mit der Religion umzugehen. Dem Genüge zu tun und gleichzeitig die Authentizität derselben zu wahren, ist oftmals eine schmale Gratwanderung. Das zeigt sich auch vor allem darin, wie theologisch-theoretische Kriterien und Ansprüche der unterschiedlichen islamischen Strömungen in die Praxis umgesetzt werden. Der Staat muss dabei bemüht sein, die innerislamische Vielfalt zu berücksichtigen und widerzuspiegeln. Diese Vielfalt sollte von den Betroffenen mitgestaltet und interdisziplinär verwirklicht werden.

Damit tun sich die Muslime nicht nur in Deutschland schwer. Natürlich wollen sie die Gleichberechtigung mit Religionsgemeinschaften. Selbstverständlich wünschen sich alle, dass Theologie und Religion seitens des Staates gefördert werden. Aber zweifelsohne sollten Bundes- oder Landesebene jene fördern, die, der säkularen rechtsstaatlichen Vorstellung entsprechend, auf dem Boden der Verfassung stehen. Dabei die Religionsfreiheit nicht anzutasten, ist manchmal nicht ganz einfach.

Religion gilt auch heute noch für viele Musliminnen und Muslime in einer Weise als Orientierung, die ihre liberale und säkulare Umwelt irritiert. Wenn aber ein frommer Mensch in rituellen Fragen traditionell religiös ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass er ein Islamist ist. Das deutsche Recht setzt dieser traditionellen Frömmigkeit Grenzen. Trotzdem wäre eine Flexibilität von allen Seiten der Sache dienlich.

Der Islam ist eine Weltreligion und strukturell nicht unmittelbar mit den christlichen Kirchen vergleichbar. Es gibt im Islam kein Lehramt, auch wenn mancher (und manche) gerne Papst aller Muslime wäre. Der Islam kennt keine Ordination von Geistlichen, auch wenn es Verbandsfunktionäre gibt, die gerne die ihnen genehmen Personen ordinieren und missliebigen die Zustimmung verweigern würden. Doch diese Entscheidung trifft regulär eine muslimische Gemeinde ganz basisdemokratisch für sich selbst, dabei sollte es auch bleiben.

Wenn das Ziel die Zusammenarbeit der muslimischen Gruppierungen untereinander sein soll, müssen Bund und Länder davon ablassen, eine Anpassung an kirchliche Strukturen zu fordern. Da der Islam ein anderes Gefüge hat, muss sich erst innerislamisch etwas entwickeln, das bestimmten rechtlichen Vorgaben näher kommt. Einfach nur muslimische Gruppierungen an einen Tisch zu holen, ihnen die vorhandenen organisatorischen Vorstellungen zu erläutern und eine entsprechende Anpassung einzufordern, hat sich als nicht zielführend erwiesen. Verstärkt wird dies noch, wenn sich viele Musliminnen und Muslime nicht von den an den Tisch Geholten vertreten fühlen und die wiederum lieber schlecht übereinander als konstruktiv miteinander reden. Das wäre Aufgabe der Muslime: über gemeinsame Kriterien zu diskutieren und auch zu streiten.

Eine solche Diskussion sollte offen an die bestehenden Fragen und Probleme herangehen und Absolutheitsansprüche ausschließen. Eben erst haben bei der Tagung einer großen deutschen Stiftung Studierende der Islamischen Theologie Äußerungen wie „Imaminnen gibt es nicht!“ oder „Homosexualität ist eine Krankheit“ getätigt – so etwas sollte es nicht geben und auch nicht toleriert werden. Der Islam ist nicht in Gefahr, wenn Menschen über theologische Inhalte unterschiedlicher Meinung sind. In der islamischen Welt werden längst sehr verschiedene theologische Meinungen kontrovers diskutiert, das fehlt in Deutschland. Es wäre wünschenswert, wenn die Deutsche Islamkonferenz hierfür ein Forum bieten könnte. Offenbar bedarf es an dieser Stelle einer Moderation des Staates, um die Musliminnen und Muslime miteinander ins Gespräch zu bringen. Das heißt keineswegs, dass der Staat „es richten“ soll, wie sich das vielleicht einige wünschen. Die innerislamische Diskussion müssen alle mit allen führen, auch wenn es persönliche Vorbehalte gibt.

Würden die Verbände und ihre Funktionäre andere Meinungen respektieren und eventuell sogar akzeptieren, dass es nicht die eine islamische Sicht der Dinge gibt, würde das die gegenseitigen Beschimpfungen der muslimischen Akteure auf Twitter und Facebook verringern – aber auch der gesamten Gesellschaft nützen. Ganz abgesehen davon, dass es eine alte islamische Tradition ist, unterschiedliche theologische Standpunkte miteinander zu diskutieren, ohne sich gegenseitig das Muslimsein abzusprechen.

Es würde für den Staat keinen Eingriff in innerreligiöse Fragen bedeuten, wenn er diese Plattform ermöglichen würde. Dabei darf auch der Minderheitenschutz nicht außer Acht gelassen werden – es gilt also nicht nur, sich nach vermeintlich organisierten Mehrheiten zu richten, sondern auch die Bedürfnisse der vielen verschiedenen Menschen muslimischen Glaubens in diesem Land Berücksichtigung finden zu lassen. Das ist auch eine Chance, da es auf Bundesebene noch keinen vergleichbaren Staatskirchenvertrag gibt und somit Inhalte frei diskutierbar bleiben.

Diesen innerislamischen Diskurs zu befördern, sollte eine der vordringlichsten Aufgaben der Deutschen Islamkonferenz sein. Es gibt ja bereits zahlreiche unterschiedliche Initiativen, Gruppen und Strömungen, die sich in dieser Gesellschaft und für diese Gesellschaft engagieren wollen; es ist gut möglich, dass die meisten davon in irgendeiner Form zusammenfließen werden. Die Deutsche Islamkonferenz braucht gar nicht immer neue Gruppen, die beanspruchen, für „die“ Muslime zu reden. Sie braucht Mitwirkende, die miteinander auf Augenhöhe ins Gespräch kommen wollen und können. Nur ein derart beförderter innerislamischer Dialog könnte den Traum der Verwaltungsebene erfüllen, einen Ansprechpartner zu haben.

Die Gemeinsamkeiten der Akteurinnen und Akteure sind größer, als sie manchmal selber wahrhaben wollen. Würden sie mit- statt übereinander reden, würden sie mit Erstaunen feststellen, dass vieles auch von anderen gesagt wird. Das Fazit ließe sich dann von allen gemeinsam formulieren.

Eine Gefahr für unser Land.

10. Dezember 2018

Der aus anderen Ländern gesteuerter Islam muss mehr unter Kontrolle gebracht werden.

Den Salafismus habe ich amAnfang meiner Konversation kennen gelernt, mich aber nach einiger Zeit, sehr erschreckt abgewendet.

Diese extremistischen Auslegungen, die angstmachenden islam-theologischen Predigten und Gespräche haben mich an meine Zeit erinnert, da ich der katholischen Kirche angehörthabe.

Die habe ich aufgrund der extrem-konservativen Auslegung verlassen.

Einige Jahre habe ich in einer Moschee mitgearbeitet, das mir viel Freude gemacht hat, wo ich auch vieleDinge auf dem Weg gebracht habe. Aber auch da wurde es nach dem Weggang desImans, immer konservativer.

Es wurde ein Islam gelehrt, der mit Angst und blindem Gehorsam daher kam, mit Bestrafung, wenn man nicht folgte.

Es war nicht mehr möglich dass die Frauen in das Lokal gingen, wo die Männer saßen.

Bei den Iftar-Essen in derMoschee, wurde der langestreckte Raum mit einem schwarzen Tuch unterteilt, wo man Frauen und Männer von einander abschirmte. Mir wurde gesagt, die Mehrheitder Moscheebesucher wollte das.

Davon war zu der Zeit, wo ich mitgearbeitet habe, nie die Rede. Ich fand, es war eine sehr offene Moschee und ich hatte den Eindruck, sie passten sich doch etwas an die moderne Zeit an.Aber davon ist überhaupt keine Rede mehr.

Was mich vor allem sehr störte war, dass die Kinder im Koranunterricht nur in Türkisch unterrichtet wurden, deutschsprachige Kinder hatten keine Chance.

Viele Familien haben dann ihre Kinder in arabische Moscheen geschickt, wo nur deutsch gesprochen wurde. Aber, davor habe ich immer gewarnt, denn Muslime, die dem Salafismus nahe stehen, haben dort Einfluss.

Sehr diskret, aber auch sehr erfolgreich, agieren sie dort.

So können sich die Salafisten über Nachwuchs nicht beschweren. Auch junge Muslime, die in den Moscheen, die der KRM angehören, lernen einen Islam, dessen Ideologie auf Strafen und Angst basiert.

Es gibt nicht wenige Imame, die aus der Türkei hier für einige Jahre eine Moschee betreuen, den Islam missbrauchen.

Auch sie predigen einen Islam, der erzkonservativ ist, z. B. auch ihre mit dem Koran begründete Frauenfeindlichkeit, ist Terror, Terror gegen die Frauen. Sie tragen großeVerantwortung, mit ihren orthodoxen Auslegungen, mit rigidem politisch ideologisierten Islam, haben sie die Grundlage für den fanatischen Islam gelegt.

Die Moscheevereine müssen ihre rückwärtsgewandten Inhalte auf dem Prüfstand stellen. Sie müssen sich mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau auseinandersetzen, Umgang mit der Sexualität, Umgang mit Andersgläubige und mit anderen Lebensformen.

Einen Weg finden, der einen zeitgemäßen Islam zulässt.

Menschenrechte sind nicht teilbar, auch nicht mit einer Religion.

Unsere Politiker müssen aufpassen, dass hier in Deutschland, nicht diesen rigider politisch ideologisierter Islam an unseren Schulen Einzug hält. Es ist nicht gut, dass nur der Koordinierungsrat der Muslime das Sagen über die Auslegung des Islams bekommen und auch das Sagen, wer hier den Islam an den Schulen lehren darf.

Ca. 14 % der Muslime werden von ihnen vertreten, die anderen Muslime werden außen vorgelassen und von der Mitentscheidung ausgeschlossen. Ein erster Schritt ist mit der Deutschen Islamkonferenz gemacht worden, wo auch Muslime eingeladen wurden, die nicht dem Koordinierungsrat der Muslime angehören. 

Wir haben ja schon gesehen was passiert, wenn wie  Professor Khorchide einen liberaleren Islam in seinem Buch:
„Islam ist Barmherzigkeit“beschrieben hat.
Wie er sich verteidigen musste.

Ein empfehlenswertes Buch 

Ausspruch von Dr. Lale Akgün:

„Meine Sorge ist – es istauch meine Sorge – dass der konservative Islam in den nächsten Jahrzehnten den muslimischen Teil der Gesellschaft immer mehr unter Druck setzen und einen Islam nach seinen Vorstellungen etablieren will.

Das würde eine Absonderung von Teilen der Muslimen fördern, und damit würde ein Keil in die Gesellschaft getrieben, so dass die Muslime dann immer mehr auseinander driften würden.

Aber letzten Endes wären auch gewalttätige Auseinandersetzungen zu befürchten.

Die fanatischen Muslime würden zuerst den liberalen Muslimen das Leben zur Hölle machen und dann den Nichtmuslimen.

Den orthodoxen Verbände, die sich in der Politik breit gemacht haben, vertreten nur ihre Klientel – oder wie bei der DITIB, die türkische Politik, die dahinter steckt. Oftmals geht es ihnen weniger um ihren Glauben, als um Machtdemonstrationen.

Noch ein Ausspruch von Dr. Lage Akgün, – wo ich auch voll hinter stehe – :

 Wenn der Staat diese Entwicklung – da nämlich die konservativen Verbände und nur sie, die islamischeAusbildung von Schülern und Studenten kontrollieren – tatenlos zuschaut, dannwerden zukünftige Generationen von ewig gestrigen Muslimen an deutschen Schulen und Universitäten staatlich ausgebildet werden.

In wenigen Jahren wird sich diese Entwicklung verselbstständigt haben – und dann wollen die Verbände von Salafismus-Prävention reden. Dann heißt es nur noch: „Gute Nacht Deutschland.“

«Der Koran preist Christen als Freunde der Muslime an.»

7. Dezember 2018

Im Koran stehe, Christen seien auf den Tod zu hassen, sagen Terroristen. Falsch sagt ein katholischer Theologe im Interview. Seine jahrelange Forschung zeigt, dass der Koran mit Christen kein Problem hat. Ist der Religionskrieg ein Missverständnis?

Seite an Seite,Prophet Mohammed (auf Kamel) und Jesus in einer Illustration aus dem 18.Jahrhundert. (Bild: AKG Images)

Theologe Klaus vonStosch im Interview.

Herr von Stosch, was bringt Sie als katholischen Fundamentaltheologen dazu, sich mit dem Christusbild im Koran zu befassen?

Klaus von Stosch: Innerhalb der systematischen Theologie, die ich als Wissensch aftler vertrete, ist der Dogmatiker für die innere Architektur des Glaubensverantwortlich, und der Fundamentaltheologe trägt die Verantwortung nachaussen. Als eine Art Aussenminister muss er schauen, wo freundliche Nachbarn sind, mit denen man gute Beziehungen entwickeln kann, und wo dieSchurkenstaaten, denen man eine klare Kante zeigen muss.

Der Islam ist derzeit wohl ein schwieriger Kandidat?

Das dachte ich mir zuerst auch. Ich bin kein Dialogonkel, der immer schon den Frieden der Religionen voranbringen wollte. Bis heute geht es mir so, dass mir im Koran aus meiner christlichen Perspektive heraus Entscheidendes fehlt. Aber es stehen eben auch Dinge drin, die mir etwas Wichtiges zu sagen haben und die mich auch im eigenen Glauben und Leben weiterbringen können.

Was fehlt?

Das Entscheidende ist natürlich das Kreuz, immerhin handelt ein Drittel der Evangelien von der Passion. Der Koran hat hier eine Leerstelle. Aber was mich bei der wissenschaftlichen Lektüre überrascht hat, ist, dass das Kreuz nicht direkt abgelehnt wird. Nicht einmal an der Stelle in Sure 4, die üblicherweise so interpretiert wurde. Da steht: «Sie haben ihn nicht getötet und haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es kam ihnen nur so vor. Sie haben ihn nicht getötet, mit Gewissheit nicht, vielmehr hat Gott ihn zu sich erhoben.»

Sie sehen darin keinen Affront?

Die Verse werden meist so gelesen, dass sie die historische Tatsache des Kreuzestodes Jesu leugnen: Das würde es aus christlicher Sicht unmöglich machen, sie als Gottes Wort anzuerkennen. Betrachtet man den Vers aber im Kontext der ganzen Sure, zeigt sich, dass Gott an dieser Stelle mit den Juden spricht, die behaupten, dass sie Jesus getötet hätten. Das wird von Gott bestritten – nicht dass Jesus überhaupt getötet und gekreuzigt wurde. Man kann die Stelle auch so verstehen, dass Gott sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lässt.

Wie kommt Gott im Koran dazu, sich darüber mit den Juden zu unterhalten?

Mohammed hat sich mit einem jüdischen Clan, mit dem er sich in Medina auseinandersetzte, ziemlich zerstritten. Das ist auch der Grund dafür, dass er die Gebetsrichtung wechselte und danach gegen Mekka statt gegen Jerusalem betete. In dem Streit scheinen die Juden gesagt zu haben, wir haben schon den Jesus plattgemacht, dich machen wir auch platt. Der Vers sagt nun: Ihr habt das bei Jesus nicht geschafft, bei mir werdet ihr es auch nicht schaffen!

Die Christen sind hier nicht gemeint?

Hätte Gott mit dem Vers den Christen mitteilen wollen, dass sie sich 600 Jahre lang geirrt haben, als sie dachten, Jesus sei gekreuzigt worden: Wäre es dann nicht eine gute Idee gewesen, ihnen das direkt zu sagen? Auch aus muslimischer Sicht? Gott spricht im Koran ja oft mit den Christen. Er sagt: Ihr Christen!

Der Sinn erschliesst sich nur aus der Lektüre der ganzen Sure?

Darum geht es bei der Suren-holistischen Forschungsmethode, die wir in Bezug auf die Christologie im Koran erstmals anwenden. Wir verbinden sie mit einer historisch-kritischen Lektüre des Korans, die auf die Reihenfolge achtet, in der die einzelnen Verse des Korans entstanden sind. Diese Methoden lassen sich durchaus damit vereinbaren, dass der Text des Korans möglicherweise von Gott kommt, wie die Muslime es glauben. Aber wenn Gott spricht, tut er das in einer bestimmten Zeit zu bestimmten Menschen und in einer bestimmten Sprache, der arabischen. Will man den Koran richtig verstehen, muss man sich fragen, wie bestimmte Wörter in dieser Zeit verstanden wurden.

Was bedeutet das konkret für das Christusbild?

Zum Beispiel gibt es im historischen Kontext zwei Wörter, um Jesus als Sohn Gottes zu bezeichnen. Arabische Christen verwenden das Wort Ibn, heidnische Araber sagen Walad. Wenn nun im Koran steht: «Sagt nicht, dass Jesus der Walad Gottes ist», ist das wohl nicht an Christen gerichtet, sondern an die heidnischen Araber.

Was brachte die heidnischen Araber dazu, Jesus Gottes Sohn zu nennen?

In der Kaaba der mekkanischen Zeit, also bevor Mekka muslimisch wurde, wurden alle möglichen Götter angebetet und integriert. Nur so konnte die Stadt ein bedeutendes Wallfahrtszentrum werden. Die Christen brachten ihren Jesus mit, der danach von heidnischen Arabern angebetet wurde, so wie sie auch verschiedene Töchter Gottes verehrten. Der Koran wehrt sich an dieser Stelle gegen Polytheisten, die Jesus in ihr Pantheon integrierten, sich aber nie als Christen fühlten.

Dennoch: Er lehnt hier die Vorstellung der Gottessohnschaft ab.

Ja, aber es geht eben darum, was an welcher Stelle damit gemeint ist. In den frühen Suren setzt sich der Koran noch gar nicht mit dem Christentum auseinander, wenn er die Gottessohnschaft Jesu zurückweist. Hier geht es um die paganen Araber, die mit ihrer Bezugnahme auf Jesus etwas ganz anderes meinen als die Christen.

Aber später kommt es dann doch zum Widerspruch?

Sicher gibt es Stellen, die sich kritisch mit dem Christentum auseinandersetzen. Aber die Christen, die der Koran kritisiert, glauben oft anders als wir Christen heute. An einer Stelle, an der sich der Koran etwa kritisch mit der Trinität auseinandersetzt, wird deutlich, dass er damit auch Maria mit einschliesst und sich gegen die Vorstellung von Gottvater, Gottmutter und Gottkind wendet. Dagegen würden sich Christen aus heutiger Sicht ja auch wehren, das wäre Polytheismus! Sicher gab es damals gerade auf der Arabischen Halbinsel christliche Sekten, die in die Nähe dieser Vorstellung gekommen sind. Aber das war niemals Mainstream in den Kirchen.

Welche Irrwege sind dem Koran sonst noch aufgefallen?

In Sure 5:75 versucht der Koran, Christen zu kritisieren, weil sie angeblich denken, dass Jesus und Maria nicht normal gegessen haben wie wir.

Wie kommt der Koran auf diese Idee?

Ich bin auf die Häresie des Julianismus gestossen, die davon ausgeht, dass Jesus vor der Auferstehung genauso gegessen hat wie nach der Auferstehung. Sogar der Kaiser hat im 6. Jahrhundert Jesus für einen Gott gehalten und gesagt: Gott kann ja nicht aufs WC gehen! Also kann er auch nicht normal gegessen haben. Dagegen wendet sich der Koran.

Er kommt in 108 Versen vor und wird mit Titeln bezeichnet, die der Koran für keinen anderen Propheten verwendet. Jesus ist der Geist Gottes, das Wort Gottes und der Messias: Das ist fast das volle Programm und verwendet wichtige Punkte, die man eigentlich nur in einer christlichen Schrift erwarten würde. Jesus spricht im Koran schon als Baby, er wirkt Wunder, erweckt Tote. Das alles sind Auszeichnungen, die kein anderer Prophet erhält und die seine Besonderheit und seine Herkunft von Gott betonen.

Woher diese Wertschätzung?

Die Koranforscherin Angelika Neuwirth hat überzeugend gezeigt, dass der Koran im Resonanzraum der Spätantike entsteht. Er ist geprägt durch orale Traditionen, die unter anderem die Bibel verarbeitet. In den frühen Versen gibt es eigentlich noch gar keine kritische Auseinandersetzung mit den Christen. Es ist auch fraglich, ob sich Mohammed da schon als Muslim im Sinn einer eigenen Religionszugehörigkeit angesehen hat. Muslim bedeutet zunächst einfach: Der sich an Gott hingibt. Auch Jesus wird im Koran als Muslim bezeichnet.

Mohammeds kulturelle Wurzeln sind christlich?

Er ist ein Gottessuchender, ein Hanif, kommt also aus einem monotheistischen Grundverständnis heraus, das sicher nicht frei von jüdischen und christlichen Einflüssen ist. Die nach Maria benannte Sure 19 des Korans liest sich fast wie ein christlicher Text. Auch noch die nach dem Vater Marias benannte Sure 3 ist eine riesengrosse Einladung an Christen. Wahrscheinlich entstand sie aus Anlass eines Besuchs einer Delegation von christlichen Theologen aus Nadschran. Sie haben wohl auf die Avancen Mohammeds hin gesagt: Wenn Jesus nicht der Sohn Gottes ist, was ist er dann? Der Koran weist ihre kritischen Nachfragen nicht zurück, sondern bietet ihnen eine Fülle von Anknüpfungspunkten für ihren Glauben. Zugleich merkt man der Sure allerdings an, dass sie auch durch Leerstellen in der Christologie Unterschiede zum Christentum markiert.

Sind Jesus und Mohammed vielleicht sogar Brüder im Geiste?

Ich wehre mich gegen das Überbetonen der Gemeinsamkeit. Viel aufregender sind die Unterschiede, von denen ich etwas lernen kann, das für mich bereichernd ist. Ist es nicht spannend, dass Jesus im Koran schon als Baby zu uns Menschen spricht? Wenn man nicht auf die wenig rationale Idee kommt, diese Passage wörtlich zu verstehen, heisst das doch, dass Jesus schon als Kind eine Ausstrahlung hatte, die seine besondere Sendung verdeutlicht. Hier deutet der Koran die Schönheit Jesu an. Überhaupt ist die Schönheit Gottes ein zentraler Punkt, den wir Christen von Muslimen lernen können. Denken wir nur an die Schönheit der Koranrezitation. Im Islam ist die Schönheit des Korans entscheidend. Im Christentum ist Jesus entscheidend, über den mich Gott als Mensch berührt.

Diese Rolle Jesu fehlt im Koran?

Sie wird nicht positiv gewürdigt, sondern ausgespart. Das ist schon eine Relativierung, denn der Koran kennt die christliche Tradition ja sehr genau und verhält sich sehr bewusst zu ihr. Manche meiner muslimischen Kollegen sehen etwa eine starke Relativierung darin, dass der Koran Jesus mit Adam vergleicht und damit seine Menschlichkeit betont. Aber auch wir als Christen glauben ja an die Menschlichkeit Jesu.

Wie leiten fundamentalistische Muslime aus dem Koran Christenhass ab?

Indem sie Verse losgelöst vom Kontext betrachten und sie philologisch ungenau arbeiten. Wenn im Arabischen etwas über die Juden oder die Christen gesagt wird, ist von der Sprache her immer eine bestimmte Gruppe von Juden oder Christen gemeint. Es ist wichtig zu wissen, wer.

Wo zum Beispiel?

Nehmen wir Vers 30 der Sure 9, der einzigen Passage, die explizit ablehnt, dass Jesus als Sohn Gottes im Sinne von Ibn Gottes bezeichnet wird. Direkt im nächsten Vers wird deutlich, dass hier Christen vorgeworfen wird, nicht nur Jesus, sondern auch ihre Bischöfe als Söhne Gottes zu verehren. Genauso wird Juden vorgeworfen, Esra und die eigenen Schriftgelehrten als Söhne Gottes zu verehren. Offenkundig geht es hier nicht um eine spezifische Aussage zur Christologie, sondern um eine Fehlform christlicher Frömmigkeit, die bei bestimmten Christen in einer bestimmten Zeit zu beobachten ist.

Wie lässt sich bei alledem ein negatives Gesamtbild der Christen postulieren?

Auch Fundamentalisten wissen: Der Koran spricht auch positiv von Christen und preist sie als die besten Freunde der Muslime an. Ihre Strategie ist es, zu sagen: Das, was Gott zuletzt sagt, stimmt. Es hebt alles andere auf. Deswegen ist die wissenschaftlich noch umstrittene Frage so wichtig, welche Sure zuletzt war, die fünfte oder die neunte.

Was wäre aus christlicher Sicht besser?

Die fünfte. Sie enthält die aufregende Stelle, an der die Jünger von Jesus erbitten, dass er ihnen einen Tisch vom Himmel herunterschickt, um Gewissheit im Glauben zu erlangen. Sie versichern, über diesen Tisch auch in Zukunft ihren Glauben bezeugen zu wollen. Wenn nun aber vorher darauf verwiesen wurde, dass Jesus sogar Tote zum Leben erweckt hat, ist kaum verständlich, warum ein einmaliges Speisewunder die Jünger von ihren Zweifeln abbringen sollte. Es liegt deshalb nahe, darin eine Würdigung der Eucharistie zu sehen. Ist das das letzte Wort des Korans an sie? Die Mehrheit der westlichen Islamwissenschafter sieht es so.

Was sagen die muslimischen Forscher?

Viele tendieren zur Sure 9 als letzter Sure des Korans. Sie enthält tatsächlich Gewaltverse, die, aus dem Zusammenhang gerissen, krass sind: Islamkritiker zitieren meist den Schwertvers der Sure 9:5 und die Aufforderung: «Tötet die Ungläubigen, wo immer sie sich verstecken.»

Sind mit diesen Ungläubigen, mit diesen Beigesellern, nun Christen gemeint?

Nein. Es lässt sich aus dem Kontext des Verses ableiten, dass die Adressaten pagane Araber sind, in diesem Fall Mekkaner, die einen Vertrag gebrochen und Mohammed die vorher zugesagte freie Pilgerfahrt nach Mekka verwehrt haben. Kann man alles im Koran lesen! Und den Vertrag kann man historisch zuordnen ins Jahr 628. Dreimal hatte Mohammed davor mit den Mekkanern gekämpft und am Ende den Sieg davongetragen, aber statt nun Mekka einzunehmen, liess er sich und seinen Begleitern freies Geleit zur Kaaba zusichern.

Und auf den Vertragsbruch reagierte er mit der Aufforderung zum Massaker?

Aus Notwehr droht er mit Vergeltung. Aber interessanterweise passiert das dann nicht. Als Mohammed sie an seine vorangegangenen Siege erinnerte und drohte, Mekka einzunehmen, gaben sie klein bei und boten an, zum Islam zu konvertieren. Als Christ kann man jetzt immer noch von der Bergpredigt her sagen: «Das ist nicht meins!» Aber 99 Prozent der Politiker würden wie Mohammed handeln.

Der christlichen Liebes-Maxime wird der Koran aber schon nicht gerecht?

Wir müssen vorsichtig sein, dass wir hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Der Koran entsteht in einer Zeit, in der es kein funktionierendes staatliches Rechtssystem gibt. In der Stämmegesellschaft auf der Arabischen Halbinsel galt einfach das Recht des Stärkeren, und die Solidarität innerhalb des Stammes ging über alles. In diesem Kontext bringt der Islam eine Revolution, die für die biblischen Werte der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit eintritt.

Was bringt Sie zu diesem Befund?

Die Barmherzigkeit Gottes wird im Koran öfter genannt als jede andere Eigenschaft Gottes, insgesamt 598 Mal. Und auch der Prophet Muhammad wird als Prophet der Barmherzigkeit bezeichnet. Blickt man auf die islamische Mystik, ist es gerade Jesus, der nicht nur die Barmherzigkeit Gottes, sondern auch seine Liebe zu den Menschen bringt. Vielleicht könnte das ja auch ein Zugang zu der Rede von Jesus als Wort Gottes im Koran sein. Jesus wäre dann in seiner ganzen Menschlichkeit Gottes barmherzige und liebevolle Anrede an uns.

Das klingt jetzt aber ziemlich christlich.

Trotzdem könnten auch Muslime einen solchen Satz aus dem Koran entnehmen. Sie würden dann nur darauf bestehen, dass auch andere Propheten und andere Menschen uns mit Gott vertraut machen können und uns seine gute Botschaft bringen.

Was können Christen lernen?

Sie sehen die Menschenfreundlichkeit Gottes nicht nur in Jesus verwirklicht. Für sie ist Jesus Christus zwar die alles entscheidende Norm. Aber wenn sie dann auf koranische Aussagen stossen, die diese Norm auch in anderen Menschen verwirklicht sehen, besteht eigentlich Anlass zur Freude. Die im Koran vorgenommene Relativierung Jesu ist zwar sicher nichts, was Christen so übernehmen können. Aber die Werte und Gottesbilder, die den Koran zu ihr bringen, sind viel näher am Christentum, als uns häufig bewusst ist.

Arbeit am  Jesusbild

Klaus von Stosch (*1971) studierte katholische Theologie in Bonn und Freiburg i. Ü. mit Promotion über die Verortung fundamentaler Theologie nach Wittgenstein. Seit 2008 ist er Professor für systematische Theologie in Paderborn, wo er das Zentrum für komparative Theologie und Kulturwissenschaften mitbegründete. In einer interreligiös zusammengesetzten Forschergruppe, der u. a. der bekannte Islamwissenschafter Mouhanad Khorchide angehört, untersucht er die Art, wie der Koran mit Jesus von Nazareth umgeht. (mah.)

NZZ am Sonntagvon Martin Helg


MUSLIMISCHE FEIERTAGE 2018

11. Februar 2018

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