Archive for the ‘Meine Religion – der Islam’ Category

Muslimische Feiertage 2022

28. Januar 2022

Sure „Al Fatiha“ – Die Eröffnende

17. Januar 2022

Offenbarung zu Mekka

Die erste Sure des Qurans, trägt den Namen "Al-Fatiha". Dieses Wort bedeutet in der 
arabischen Sprache "Anfang einer Sache", "Einleitung", oder "Vorwort". Die Al Fatiha eröffnet
als erste Sura aber nicht nur dem gesamten Quran-Text, sondern die Muslime stellen sie auch in
jedem ihrer Gebete an den Anfang der Quran-Rezitation.
Außer der Bezeichnung "Al-Fatiha" kommen der ersten Sura noch weitere Namen zu, welche
ebenfalls auf ihre Bedeutung hinweisen.; so wirdd sie auch "Mutter des Buches", bzw. 
"Muttter des Quran" genannt, weil die wie eine Mutter, die als Gebärende ihrer Kinder gleichsam
den Ausgangspunkt der Familie markiert, den Anfang des Quran-Textes darstellt; und da man mit
ihr auch das Gebet beginnt´, heißt die erste Sure auch "Sure des Gebets", "Sura des Schatzes",
"Sura des Lobes", "Die Vollendete", "Die Schützende", "Die Ausreichende". "Die Grundlage des Quran",
"Die Heilung".
Nach überwiegender Auffassung der Gelehrten wurden die sieben Verse der Al-Fatiha in Mekka, das heißt
vor der Hijra offenbart. Das die Al-Fatiha unter allen Suren eine besondere herausragende Stellung
einnimmt, bezeugen viele Hadithe: Einen finden wir beim Hadith-Überlieferer Al-Bukhary, wonach
der Prophet Muhammed, Allahs Segen auf ihm, zu Abu Sai'd Ibn Al-Mu'ally sagte: "Bevor du die Moschee
verläßt, will ich dich eine Sure lehren, die die bedeutendste Sure des Quran ist." Al Abu Sai'd
beim Verlassen der Moschee den Propheten an dessen Worte erinnerte, sagte der Prophet: 
"Al-hamdu-lillahi rabbi-l-'alamin, sie besteht aus den sieben zu Wiederholenden, sie ist der
großartige Quran, der mir gegeben wurde." Mit den "sieben zu Wiederholenden" sind die sieben
Verse der Al-Fatiha gemeint, die in  jedem Gebet mindesten zwei Mal wiederholt werden. Und in 
einer anderen Überlieferung heißt es: "Kein Gebet für den, der nicht in jeder 
Rak'a die Fatiha-I-Kitab (Die Eröffende des Buches) rezitiert." Aus diesem Hadith leiten
die Gelehrten ab, dass das rezitieren der Al-Fatiha zu den wesentlichen Elementen
des Gebetes gehört und Voraussetzung für seine Gültigkeit ist. Auch daran läßt sich 
der enorme Stellenwert dieser Sure erkennen.
Neben dieses funktionellen Bedeutung hat die Al-Fatiha aber auch besondere wichtige Züge, welche
den Kern des Glaubens berühren. 
In ihr werden einige Eigenschafften, bzw. Namen Allahs genannt, sie lehrt den Tauhid 
(Eingottglaube) und legt das Verhältnis Allahs zu den Menschen in seinen Grundzügen dar.

"Al Fatiha"                                              "Vater unser"

"Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen,       "Vater unser im Himmel,
Lob sei Gott, dem Weltenherrn,                           geheiligt werde Dein Name.
Dem Erbarmer, dem Barmherzigen,                          Dein Reich kommme.
Dem Herrscher am Tages des Gerichts,                     Dein Wille geschehe,
Dir diensten wir und zu Dir rufen wir um Hilfe.          wie im Himmel so auf Erden.     
Leite uns den rechten Pfad,                              Unser tägliches Brot gib uns heute.
Den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nich derer         Und vergib uns unsere Schuld,
den Du zürnst, und nicht der Irrenden."                  wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
                                                         Und führe uns nicht in Versuchung,
                                                         sondern erlöse uns von dem Bösen.
                                                         Denn Dein ist das Reich und Kraft                                                          und die Herrlichkeit in Ewigkeit."
                                                Amen

Das Vaterunser ist das bekannteste Gebet der Christen, es soll auf Jesus selbst zurükgehen. 
In zwei Evangelien ist überliefert, wie Jesuss seine Jünger damit gelehrt hat zu beten. 
Das Vaterunser verbindt die weltweite Christenheit und ist in viele Sprachen übersetzt.
In jedem Gottesdienst wird es gesprochen, dazu läuten die Glocken. (Matthäusevangelium 6,9-13)

    "Beten gehört wahrscheinlich zu den intimsten Dingen, die es im Leben eines Menschen gibt."

Fragen zum Islam

17. Januar 2022
Fünfzehn populäre Irrtümer zum IslamIn der Anti-Islamhetze, die immer heftiger wird, werden enorme Mengen an Desinformation verbreitet. Angesichts des weltweiten Erstarkens rechtspopulistischer und faschistischer Strömungen schadet es vielleicht nicht, Ihnen einige Korrekturen für die dunklen Jahre mitzugeben.
Wer hier öfter liest, weiß, dass einige Themen schon ausführlicher behandelt wurden.

„Der Islam sagt ….

“Der Islam ist weder eine Person noch eine Rechtsperson. Er kann nicht reden, er kann nicht handeln. Sätze wie: Der Islam ist kriegslüstern, der Islam ist Frieden, der Islam unterdrückt Frauen, der Islam ist ganz lieb zu Frauen, der Islam sagt … sind unsinnig.
Der Islam will/kann/verbietet/befiehlt nichts, ist weder Frieden noch Krieg; es sind immer Muslime, die etwas tun oder sein lassen. Von Ihnen gibt es mehr als eine Milliarde, die wollen oder tun nicht alle dasselbe.

„Der Islam ist keine Religion, sondern eine Ideologie.“
Wenn man den Islam zur Ideologie erklärt, könnte er vielleicht in manchen Umgebungen bekämpft oder gar verboten werden. Eine Religion zu verbieten ist schwieriger; die meisten Verfassungen enthalten ja einen Artikel über Religionsfreiheit.
Aber im Islam wird die Hauptrolle gespielt von einem Gott, der die Welt erschaffen hat und sie erhält, der von Ewigkeit an eine heilige Schrift bei sich hatte, die er seinen Propheten offenbart hat, und der am Ende der Zeiten die Menschheit richten wird.
Solch eine Weltanschauung nennt man generell Religion. Wenn der Islam keine Religion ist, sind Judentum und Christentum ebenfalls keine. Diejenigen, die rufen: „Der-Islam-ist-(nur)-eine-Ideologie!”, wollen meist Religionsfreiheit predigen für die beiden letztgenannten und Ideologieverbot für den Islam.

„Aber der Koran sagt doch …?“
Was steht im Koran? Wie alle heiligen Schriften „sagt“ der Koran ungefähr alles, aber auch sein Gegenteil. Er enthält Botschaften von Liebe und Hass, von Krieg und Frieden, von Unbarmherzigkeit und Erbarmen. Es hat also keinen Sinn, nach der Art von Jehovas Zeugen allerlei Debatten zu führen auf der Basis von einigen einseitig gewählten Koranversen. Überdies steht ganz viel gar nicht im Koran. Das Buch enthält nur einen Teil der islamischen Glaubensüberzeugungen und des islamischen Rechts (Scharia).
Nicht im Koran stehen unter anderem: Scharia, Kalifat, die Bestrafung im Grab, Märtyrer gehen direkt ins Paradies, 72 Jungfrauen, Hunde und Katzen, das Bilderverbot, fünfmal am Tag beten, Steinigung. Interpretationsabhängig
sind: die Bedeckung der Frau, das Alkoholverbot und vieles mehr.
Achtung: wenn etwas nicht im Koran steht, ist es deshalb nicht gleich unislamisch.

„Mohammed war …“
Tausende Textseiten berichten vom Handeln des Propheten Mohammeds, aber einen Wert als Quelle für wissenschaftliche Geschichtsschreibung haben nur die wenigsten. Mit Hilfe dieser Texte kann sich jeder und jede den Propheten basteln, der ihm oder ihr gefällt: ein strenger Richter, ein milder Richter, kriegslüstern, friedfertig, frauenfeindlich oder eben nicht, väterlich, gnadenlos, sittlich hochstehend oder vielmehr egozentrisch, ein Held, ein Kinderschänder, menschlich-allzu-menschlich, immer kompromissbereit oder vielmehr unbiegsam: Sie haben die Wahl!
Über den historischen Mohammed ist nur ganz wenig bekannt. Einige frühe Texte über ihn datieren auf sechzig (!) Jahre nach seinem Tod; die meisten sind erheblich jünger. So wissen wir z. B. überhaupt nicht, ob er tatsächlich ein kleines Mädchen heiratete. Dazu gibt es nur einen kurzen Text (mit einigen Varianten), der nicht so heilig ist, dass Muslime ihn unbedingt für wahr halten müssen—und Nichtmuslime ohnehin nicht.

Ein anderes Beispiel: die Erzählungen über die Ausrottung jüdischer Stämme durch Mohammed sind schon 2008 als Fiktion entlarvt worden.

„Der Koran ist das Werk Mohammeds.“
Keineswegs. Dass der Koran von Gott dem Propheten Mohammed in mehreren Lieferungen über zwölf, dreizehn Jahren offenbart wurde, ist nicht nachgewiesen. Aber dass er von Mohammed geschrieben wurde, wie man in Europa lange Zeit annahm, ebenfalls nicht. Ganz früher hieß es in Europa: der Koran könne nicht von Gott stammen, denn der ist der Gott der Bibel; Mohammed habe das Buch mit bösen Absichten selbst erfunden. Spätere Orientalisten meinten, dass Gott nicht existiere und dass also Mohammed der Verfasser sein müsse, weil er der Entstehung des Textes am nächsten war. Er habe den Koran selbst geschrieben, allerdings in Anlehnung an die jüdische und christliche Tradition.

Mit einer göttlichen Offenbarung können moderne Forscher nichts anfangen, aber mit der Autorschaft Mohammeds auch immer weniger. Die meisten von ihnen betrachten den Koran als einen anonymen Text oder vielmehr als eine Sammlung von Texten unterschiedliche Gattungen, die möglicherweise aus
verschiedenen Quellen stammen. Die Sammlung dieser Texte in einem Buch fand zwischen ca. 650 und 700 statt. Ohne Zweifel waren davor schon Teile in Umlauf. Diese spielten
bestimmt eine wichtige Rolle bei der schnellen gesellschaftlichen Wandlung in Arabien, bei der Vereinigung der arabischen Stämme und bei den enormen arabischen Eroberungen ab 632. Welche genau ist nicht bekannt.

„Der Islam ist im Mittelalter hängen geblieben.“
Der Nahe Osten hat nie ein Mittelalter gekannt. Als in Europa das frühe, angeblich „dunkle“ Mittelalter anfing, ging drüben die Antike einfach weiter. Es brach eine Blütezeit an, in der die islamische Welt Europa bei Weitem voraus war: in Industrie, Handel, Wirtschaft, Bankwesen, Wissenschaft, Medizin, Recht, Philosophie und sogar Theologie. Allerdings geriet die islamische Welt
in späteren Jahrhunderten allmählich in Verfall, durch neue Handelsrouten (Amerika; Kap der Guten Hoffnung), durch veraltete Bewaffnung und überholten Schiffbau und durch koloniale Machtausübung aus Europa. Aber diese oder irgendeine frühere Zeit „mittelalterlich“ zu nennen wäre nicht richtig; der Begriff passt nur zur europäischen Geschichte—und vielleicht nicht einmal dazu.

„Der Islam ist eine Wüstenreligion.“
Das Ursprungsgebiet und die Westhälfte des Verbreitungsgebietes des Islams ist ein arider bzw. halb-arider Gürtel, in dem es tatsächlich viele Wüsten gibt. Aber dort wohnt niemand permanent; wohlweislich wohnt man in den fruchtbaren Gebieten, die es durchaus gibt: in den Flusstälern und –deltas, und natürlich in Städten. Die nomadischen Wüstenbewohner, die Beduinen,
waren von alters her meist wenig zu Religion geneigt; das wird schon im Koran beklagt.
Der Islam stammt zum Teil aus der Stadt Mekka, zum Teil aus der Oase Medina, hat um 700 in Syrien erst richtig Form bekommen und wurde ein Jahrhundert später im Irak noch mal richtig umgearbeitet. Später bekamen jede Periode und jede Gegend ihre eigene Gestaltung des Islams.

„Steinigen ist eine mittelalterliche Bestrafung“
Nein, Steinigen aufgrund eines Urteils nach einem Rechtsgang wird erst seit dem zwanzigsten Jahrhundert, vor allem seit 1979, in einigen Staaten praktiziert. Momentan ist die Zahl wieder rückläufig, wahrscheinlich weil es sich als eine recht unpraktische Methode der Hinrichtung entpuppt hat. Vor dem zwanzigsten Jahrhundert wurde nicht gesteinigt, zumindest nicht aufgrund eines Urteils. Zwar wird die Steinigung im Fall der Unzucht in einigen alten Rechtsquellen unzweideutig empfohlen, aber die Rechtsgelehrten wussten die zu umgehen, mit Hilfe anderer Rechtsquellen und schlauer Rechtskniffe: Leben und leben lassen war immer das Hauptziel der Scharia. Die Forschung hat nur einen einzigen Steinigungsfall im
Osmanischen Reich ans Licht gebracht, aus dem Jahr 1670. Der verantwortliche Richter wurde damals sofort abgesetzt; der Chronist, der von Fall berichtete, war empört.

„Der Islam braucht eine Aufklärung.“
Manchmal wird behauptet, dass aus „dem Islam“ ohne einen Prozess der Aufklärung nie mehr etwas werden wird. Aber im neunzehnten Jahrhundert war die Aufklärung im Nahen Osten durchaus bekannt geworden. Die Einwohner des Osmanischen Reichs spürten, dass sie im Vergleich schwach waren, sowohl militärisch als auch kulturell. Um aufzuholen, fingen sie an Europa nachzueifern. Aber auf Dauer stellte sich heraus, dass eben die
Gradlinigkeit der Aufklärung, mit ihrer Unzweideutigkeit, ihrer klaren Sprache und ihren kodifizierten Gesetzen (Code Napoléon) die Muslime dazu gebracht hat, den flexiblen Umgang mit ihren alten Texten aufzugeben und sie fortan alle wortwörtlich zu nehmen, ohne ein Auge für alternative Interpretationen zu haben. Die Ambiguitätstoleranz, die von alters her ein Merkmal der islamischen Kultur war, ist in den vergangen zwei Jahrhunderten zum Großteil
verloren gegangen. Der Nahe Osten wurde ein flaches und zweitrangiges Europa-Imitat.
Muslime haben die Aufklärung durchaus kennen gelernt, aber sie ist ihnen schlecht bekommen.

„Der Islam ist das Werk von Mohammed.“
Glauben Sie das wirklich? Der arme Mann wäre fassungslos gewesen, wenn er hätte sehen können, was Muslime nach seinem Tod daraus gemacht haben. Der Islam ist natürlich nicht fix und fertig aus dem Himmel gefallen, sondern er hat sich entwickelt. Mohammed hat nicht mehr erlebt, wie Araber sofort nach seinem Tod die halbe Welt eroberten und demzufolge schon bald die koranische Furcht vor dem Jüngsten Gericht vergaßen. Wie unterschiedliche Gruppen sich in Bürgerkriegen bekämpften, hat er ebenso wenig mitbekommen. Und wie der Kalif ‘Abd al-Malik ca. 695 seinen eigenen Islamentwurf in die Welt setzte, wobei er sich vom Christentum verabschiedete, und die frühislamische Geschichte niederschreiben ließ. Und wie noch einmal hundert Jahre später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) ihren Platz im Staat erkämpften, auf Kosten der Autorität des Kalifen. Auch von Schiiten
und vom Aufstieg der Sufi-Mystik, die immerhin mehr als tausend Jahre das Bild des Islams prägte, hatte der Prophet nicht die leiseste Ahnung.

„Die Scharia ist das Gesetz des Islams.“
Nein, die Scharia ist islamisches Recht; das ist etwas anderes. Sie regelt alle Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen untereinander; somit ist sie umfassender als europäisches Recht. Auch Glaubenslehre, Ethik und gute Manieren sind darunter begriffen. Die Scharia ist kein Gesetz, nicht kodifiziert und sicherlich kein Buch, das jemand für die Ewigkeit niedergeschrieben hätte. Fragen wie: „Was sagt die
Scharia zu …? Was steht in der Scharia? Wer hat die Scharia geschrieben?“ sind also sinnlos. Die Scharia sagt nichts, sondern muss in den Rechtsquellen gefunden werden, d.h. in Koran, Hadith und Jurisprudenz. Sie ist also dem Wandel unterworfen, wenn auch Rechtsgelehrte sich nur allzu oft mit dem begnügen, was ihre Kollegen vor Jahrhunderten schon gefunden haben. Das muss aber nicht so sein. Der Umfang, die große Verschiedenheit der Rechtsquellen und deren Offenheit für unterschiedliche Interpretationen machen Erneuerung möglich.
Die Frage, inwieweit man den Alten folgen muss oder die früher bereits gelösten Rechtsfragen noch mal aufs Neue aufrollen kann, ist seit mehr als einem Jahrhundert das wichtigste Diskussionsthema in der ganzen islamischen Welt. Die Diskussion wird aber abgebremst durch 1. Das Auftreten von Salafisten, Wahhabiten, ISIS, u. dgl.; 2. die fortwährende Hetze durch deren Verbündete im Westen: die Islamhasser und Islamophoben.
Die Scharia war übrigens nie irgendwo das einzig geltende Recht. Dazu wäre sie auch ungeeignet.

„Eine Fatwa ist ein Todesurteil.“
Nö. Eine Fatwa ist im sunnitischen Islam ein nicht verbindliches, gelehrtes Gutachten auf dem Gebiet der Scharia. Eine Fatwa wird von einem Mufti abgegeben, auf Verlangen von Richtern, Privatpersonen und manchmal von Behörden. Der Empfänger kann die Fatwa außer Acht lassen, wenn er das wünscht. Scharia ist islamisches Recht, aber auch mehr als Recht: das verlangte Gutachten kann deshalb auch auf dem Gebiet der Ethik, der guten Sitten und der Glaubenslehre liegen.Wer sich nicht persönlich an einen Mufti wenden mag, kann Fatwa-Sammlungen von bekannten Schariagelehrten aus früherer oder neuerer Zeit
lesen, oder eine Fatwa über das Internet einholen, siehe z.B. dieses Portal.
Seit der Rushdie-Affäre (1989) ist das Wort Fatwa auch in Deutschland verbreitet, wird aber oft falsch verstanden. In der Phrase: „eine Fatwa über jemanden verhängen“ hört es sich fast an wie ein Todesurteil. Aber ein Gerichtsurteil ist es eben nicht, geschweige denn ein Todesurteil.

„Der Islam kennt keine Trennung von Kirche und Staat.

Bei Mohammed selbst war der Staat noch wenig entwickelt, aber wahrscheinlich gab es solch eine Trennung tatsächlich nicht, und bei den ersten gewählten Kalifen (632-661) ebenfalls nicht. Bei den Umaiyadenkalifen (661-750) gab es sie offensichtlich noch immer
nicht.

Ihre Sunna (=Verhalten, Brauch, gewohnte Handlungsweise) sollte man unbedingt befolgen; davon hing ja das Seelenheil ab. Über sie sangen die Dichter, dass sie Regen brachten, die Ernte gelingen ließen, Recht und Gerechtigkeit etablierten— alles in der besten altorientalischen Tradition des Gott-Königs. Widerstand gegen die Umaiyadenkalifen kam ab ca. 700 u.a. von den „Menschen der Sunna und der Gemeinde, die die eigenmächtigen Sunnas der verhassten Kalifen durch die des Propheten ersetzen wollten. Anfangs wusste niemand, wie dessen Sunna aussah, aber daran wurde gearbeitet: im Lauf des Jahrhunderts wurden die Schriftgelehrten (‘ulamā’) immer mehr und die Anzahl der Überlieferungen „des Propheten“ (Hadithe) wuchs noch schneller,
bis es eine prophetische Alternative gab für die Sunnas der Kalifen. Nach 750 spielten die ersten Abbasidenkalifen noch einige Zeit weiter Gott-König, aber ca. 850 mussten sie sich ergeben. Gegen die Sunna des Propheten, wie fiktiv auch immer, konnten sie nicht ankämpfen; die inzwischen überall vordringenden Schriftgelehrten übernahmen die geistliche Macht. Seitdem gibt es eine Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Außer bei den Schiiten, aber die hatten meistens gar keinen Staat, so dass man es nicht so merkte.

„Märtyrer bekommen im Paradies zweiundsiebzig Jungfrauen.“
Ach! Es gibt nur einen seltenen Hadith, in dem das beiläufig erwähnt wird. Etwas fester in der islamischen Tradition verankert ist dieser Hadith:
„Das Erdreich ist noch nicht trocken vom Blut eines Märtyrers, da kommen schon seine beiden Gattinnen herbeigeeilt, wie Kamelstuten, die ihre Jungen in einem weiten Land verloren haben…“
Hier werden nur zwei Frauen erwähnt, deren Verlangen nach den
Märtyrern mit dem Mutterinstinkt (!) von Kamelstuten verglichen wird. Noch häufiger sind Texte wie diese:
Der Prophet hat gesagt: „Als eure Brüder in Uhud gefallen waren, tat Gott ihre Seelen in das Innere grüner Vögel, die aus den Flüssen des Paradieses trinken, von seinen Früchten essen und nisten in goldenen Lampen im Schatten von Gottes Thron…“
Diesem Text zufolge ist ihr Aufenthaltsort also sehr nahe bei Gott, aber Jungfrauen gibt es an dem Ort wohl nicht. In ihrem Zustand würden sie mit denen auch nichts anzufangen wissen.

„Der Islam ist gegen Schwule.“
Wer der Islam ist, weiß ich noch immer nicht. In Büchern islamischer Rechtsgelehrter werden auf jeden Fall homosexuelle Handlungen scharf verurteilt. Handlungen, wohlgemerkt. Homosexualität als Krankheit bzw. Orientierung sind europäische Einfälle aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.
Im wirklichen Leben dagegen gab es in der islamischen Welt eine für Europäer unglaubliche Toleranz. Bis in die höchsten Kreise, bis an den Hof des Kalifen. Die strengen Bücher ließ man einfach geschlossen. Die umfangreiche arabische Liebespoesie handelte überwiegend von Männerliebe. Frauen gab es für die Ehe und die Fortpflanzung, tiefe Gefühle hatte man für Männer, Sex auch mit Jungen.
Im neunzehnten Jahrhundert änderte sich das, als man anfing den Westen zu imitieren. Das viktorianische England lehnte Homosexualität rigoros ab. Wo möglich setzten britische Behörden strenge Gesetze in Kraft, aber auch wo das nicht geschah, schlug die Haltung in Ablehnung um. Nach der Kolonialzeitfing man in den unabhängig gewordenen Staaten an die eigenen alten
juristischen Texte wortwörtlich zu nehmen und sogar anzuwenden;
Unzweideutigkeit war ja modern. Das führte fortan auch im islamischen Kulturkreis zu harten Strafen für Verhaltensweisen, die vor der Moderne jeder dort hingenommen hätte.
Es war einfach Pech für die islamische Welt, wie auch für Indien, China und Afrika, dass ausgerechnet das sexuell ungeschickte England und Europa den Ton angaben. Das hat tiefe Spuren hinterlassen

Aus Lesewerk Arabisch und Islam

Islam und Feminismus

10. September 2021

Feminismus als Unwort?

.

VON Rabeya Müller

Rabeya Müller hat Islam. Theologie, Islamwissenschaften und Pädagogik studiert, Sie ist stellv. Vorsitzende des ZIF (Zentrum für Islam. Frauenforschung und Frauenförderung), Mitglied in vielen interreligiösen Institutionen und Gründungsmitglied und Vorstandsmitglied des
Liberal Islamischen Bundes.

„Ich will jetzt mal etwas Feministisches sagen, obwohl ich keine Feministin bin.“ Diese Äußerung einer ehemaligen Vorstandsfrau eines größeren muslimischen Verbandes schildert exakt das Dilemma, in dem sich muslimische Frauen nur allzu oft befinden.

Die Vorsicht, mit der die Rednerin das Wort ‚feministisch’ in den Mund nimmt und natürlich gleichzeitig weit von sich weist, zeigt, wie verpönt diese Wortwahl in traditionellen Kreisen ist.

Diese Problematik der Begrifflichkeiten, welche vielfach als Aufhänger dazu genutzt werden, um die jeweilige Zugehörigkeit zu manifestieren, kommt einem vor wie das alte ‚Teekesselchenspiel’, das viele vielleicht noch aus der Schulzeit kennen. Gleichlautende werden wortgewaltig unterschiedlich beschrieben und die anderen müssen raten, was gemeint ist, also z.B. „Mein Teekesselchen ist für Geschle-chtergerechtigkeit!“ einerseits und andererseits: „Mein Teekesselchen wird mit Alice Schwarzer gleichgesetzt!“

Da wird damit argumentiert, dass dieser oder jener Begriff westlich konnotiert ist, dass sich die einen vom Westen ‚einfangen’ lassen und z.B. Feminismus grundsätzlich als Wort augenscheinlich nur von Menschen wie der „Emma“- Begründerin gefüllt werden kann, auch die Medien schlagen in diese Kerbe und fördern ein solches Denken.

Islamisch – egal ob feministisch oder nicht
Dabei verlieren die Kritikerinnen offenbar völlig aus den Augen, dass mittlerweile weltweit die Lage eine andere ist, besonders, wenn es um islamische feministische Theologie geht. Hier haben sich viele Protagonistinnen, zuletzt Amina Wadud in ihrem Interview vom 17.08.2011 bereits geäußert. So sagte Wadud:

„Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es eine Alternative für muslimische Frauen, die sich nicht zwischen den Menschenrechten und dem Islam entscheiden wollen. Und es gibt einen Namen für das, was wir tun: islamischer Feminismus. Denn wir ziehen den Islam heran, um die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ins Bewusstsein zu rufen …“.

Amina Wadud ist ebenso wie Asma Barlas eine kluge Vordenkerin. Barlas allerdings hat, obwohl sie viel auf diesem Gebiet forscht, ebenfalls Probleme mit dem Begriff Feministin, gerade weil dieser so unterschiedlich genutzt wird. Trotzdem haben beide Frauen vielfach theologisch bereits eigene Ansätze entwickelt und arbeiten seit Jahren konstruktiv zusammen.

Asma Barlas: „… Ich habe den ontologischen Status des Korans als göttliche Offenbarung nie in Frage gestellt. … Das Problem liegt somit nicht im Koran als heiligem Text selbst, sondern darin, dass wir ihn nicht richtig auslegen. Nicht der Text selbst ist für mich also der Kern des Problems (wie er es für viele andere Gelehrte ist), sondern eher, wie sich der Mensch den Text aneignet. …“

Wenn der Diskurs das Ziel ist, dann ist das konstruktive Miteinander die Erfüllung
Im Grunde ist der Versuch, westlich geprägte Begriffe auch nur westlich zu konnotieren und alle, die sich selbst mit diesen Begriffen identifizieren als verwestlicht anzuprangern, eine einseitige Sackgasse, weil es auf dieser Basis keine Gesprächs – bzw. Diskussionsgrundlage gibt.

Denn um was geht es eigentlich? Es geht darum eine gerechte Gesellschaftsordnung zu forcieren, bei der niemand u. a. aufgrund seines Geschlechts diskriminiert, benachteiligt oder bevorzugt werden darf.

Das gilt für alle Bereiche des Lebens, z.B. die Gleichbehandlung bei Einkommen, Partizipation an der Gesellschaft, Partizipation in der eigenen Community, die Deutungshoheit über den Koran, die Wahrnehmung von Ämtern und Funktionen und die Mitgestaltung des alltäglichen Lebens.

Selbst wenn sich die Dinge nicht sofort revolutionär verändern lassen, müssen sie doch zumindest diskutierbar sein und bleiben. Das ist eine der wenigen Möglichkeiten einen menschlichen Absolutheitsanspruch auszuschließen.

Der Islam hatte in seiner Frühzeit eine Diskussionskultur, von der wir uns im fortschreitenden 21. Jahrhundert immer häufiger wegbewegen und der Grund hierfür scheint in der Angst vor Machtverlust zu liegen. Das ist umso abstruser, als bisher niemand diese Macht wirklich inne hat. Wie also ist ein solch blinder Aktionismus zu erklären?

Begriff kommt von ‚Begreifen’
Dabei nehmen wir uns die Möglichkeit, Begriffe selbst mit eigenen Inhalten zu füllen. So ist z.B. islamisch-feministische Theologie nicht gleich zu setzen mit dem ‚Alice-Schwarzer-Feminismus’, auch nicht unmittelbar mit den Auffassungen in den christlichen Kirchen.

Wir haben das Recht, unsere eigene Definition zu erarbeiten, die ja kein Dogma oder eine göttliche Weisung darstellen, sondern eine Grundlage zur Diskussion, zum Weiterdenken.

Dabei wird auch keine Abqualifizierung vorgenommen, z.B., dass nicht-feministisch gleichbedeutend ist mit „schlechter“ oder „rückständig“. Es ist eben anders. Wenn theologisch gebildete Frauen sagen, dass sie sich nie als Feministin bezeichnen würden, ist das in Ordnung, solange sie es nicht aus Angst vor der allgemeinen Reaktion so halten.

Die Angst vor dem Feminismus aber sitzt tief und das nicht nur in muslimischen Kreisen.

Im Gegenteil, die unheiligen Allianzen, die sich das Patriarchat hierbei leistet, wären wahrscheinlich auf keinem anderen Gebiet möglich. Auch die anderen Religionsgemeinschaften zeigen, gerade auf der

Funktionärsebene, alles andere als Begeisterung, wenn ihnen von feministisch-theologischer Seite die alleinige Deutungshoheit über die eigenen Offenbarungsschriften streitig gemacht und eine Partizipation am theologischen Diskurs abverlangt wird.

Warum also sollten patriarchale muslimische Kreise anders reagieren?

Nun, vielleicht weil der Qur’ān einen Ausschluss von Frauen nicht vorsieht oder vielleicht, weil stets von eben dieser Funktionärsebene betont wird, dass man natürlich für die Gleichwertigkeit sei. Mancherorts ringen sich die VertreterInnen der patriarchalen Lesart sogar dazu durch, das Wort ‚Gleichberechtigung’ zu benutzen. Dies ist, so es denn ernst gemeint ist, durchaus als fortschrittlich zu werten.

Wie viel Dynamik geht einer Gesellschaft verloren, die sich nur auf alt eingefahrenen Strassen bewegt? Sind nicht gerade die Neugier und die Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Unbekannten etwas, was Gemeinschaften eine Öffnung und Toleranz beschert?

Grundsätzlich bietet der Islam in seinen Grundstrukturen keine Handhabe für eine Hierarchisierung innerhalb der Gesellschaft bzw. der Geschlechter, deshalb wird und wurde heute wie damals versucht, die Texte den eigenen Vorstellungen zu Diensten zu machen.

Bei vielen, auch in der Bundesrepublik, heute praktizierten Lebensweisen, lässt sich nachweisen, dass darin Gewohnheitsrechte (’Ada) verankert sind, dies aber ist eine Methode aus dem Islamischen Rechtsdenken, die durchaus ihre Berechtigung hat. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille.

Es war und bleibt ebenso notwendig das Islamische Rechtsdenken diskursiv weiter zu entwickeln, so wie das in den unterschiedlichen Rechtsschulen in deren Anfangszeit geleistet wurde. Viele selbstverständliche frühislamische Möglichkeiten werden heute vernachlässigt – aus Angst vor Verlust.

In einigen Gesellschaften war es für das Patriarchat schier unerträglich, die Frau als nicht untergeordnet anzusehen und zu behandeln. Macht war ein Wert, den es um jeden Preis zu erhalten galt. In diesem Sinne wurden viele Qur’ānverse nicht unter Berücksichtigung anderer betrachtet und ausgelegt, sondern durch die Beiziehung von Traditionen.

Ersteres gilt als anerkannte Methode, um den ruh-at-tašri (den Geist der Schrift) erfassen zu können, während die zweite Methode eine eindeutig interessengeleitete ist. Übrigens sind dies alles Fragen, mit denen sich der Liberal Islamische Bund seit seiner Gründung durchweg beschäftigt.

Frauen und Männer bei der Wallfahrt in Mekka

Die negative Denkweise über den in Deutschland real existierenden Islam speist sich zum Teil vor allem aus dieser traditionellen Lesart und deren Umsetzung in einzelnen Gruppen und aus gängigen, oft medienbedingten, Vorurteilen. Auf administrativer Seite wird das nur allzu oft süffisant hingenommen. Wenn tatsächlich der grundgesetzliche Anspruch der Gleichberechtigung der Geschlechter auch ein Umsetzungswunsch in Bezug auf muslimische Menschen in diesem Lande ist – dann sollten auch diejenigen gehört werden, die solches, auch mit einer muslimischen Identität, ehrlich und authentisch fordern und fördern. Dabei kann es durchaus zu allgemein als unliebsam betrachteten Nebeneffekten kommen, aber – birgt Freiheit nicht immer ein Risiko?

Das gilt für beide Seiten – bei einer wirklichen Zur-Kenntnisnahme einer geschlechtergerecht ausgerichteten Lesart und alltäglichen Umsetzung qur’ānischen Denkens werden die ihr Ziel erreichen, denen es wirklich radikaldemokratisch aber auch basisch- islamisch um die Frauen geht.

Die Suche nach mutigen Menschen, die eine unabhängige Position einnehmen und dies auch vertreten – ungeachtet der sozialen Diskriminierung, die ihnen beidseitig droht.

Dabei ist es gleichgültig, welches Geschlecht solche Menschen haben und ob sie sich entsprechend diverser Forderung so oder so kleiden. Wichtig sind dabei die wirkliche Persönlichkeit und die uneigennützige Absicht denjenigen zu dem Recht zu verhelfen, das sowohl religiös als auch grundgesetzlich zugesichert wird.

Protestantinnen im Islam

10. September 2021

Theologin Rabeya Müller Imamin des LIB e.V.

im Gespräch im „Forum am Freitag“

Zur Auslegung der Sure 4:34 und zur umstrittenen korrekten  Übersetzung des Wortes „daraba“

Feministisch-islamische Theologie

Ähnlich wie Jüdinnen und Christinnen haben muslimische Frauen seit einigen Jahren die feministische Theologie für sich entdeckt. Sie möchten die Quellen des Islam, den Koran und die Sunna, von den jahrhundertealten patriarchalischen Interpretationen lösen, die ihrer Ansicht nach dazu dienten, die Macht der Männer gegenüber den Frauen zu erhalten und Frauen eine Beteiligung am gesellschaftlichen und religiösen Leben in großem Maße vorzuenthalten.

Die Quellen des Islam, so lautet ihre Überzeugung, garantieren Männern und Frauen jedoch die gleichen Rechte. „Wenn wir sagen, dass der Koran ein geschlechtergerechtes Buch ist, dass Gott ein geschlechtergerecht denkender Schöpfer ist, dann können wir nicht in der Praxis ein Geschlecht ungerecht behandeln“, so die Theologin Rabeya Müller vom Kölner Zentrum für Frauenforschung, kurz „ZiF“. Besonders die Stellen im Koran, die sich augenscheinlich frauenfeindlich äußern, müssen nach Auffassung der muslimischen Feministinnen neu interpretiert werden.

Miteinander vor Gott. Rabeya Müller und ev. Pfarrer Hans Mörtter in Köln

 „Mann muss die Muslime reformieren“

Kein männliches Deutungsmonopol

Sie möchten daher das Deutungsmonopol der Männer brechen. Zudem plädieren sie für einen Zugang zu den Ämtern, den ihnen die muslimischen Männer seit Jahrhunderten verwehren. Erst seit einigen Jahren können sich muslimische Frauen zu Theologinnen ausbilden lassen und auch als Geistliche arbeiten, allerdings nur für Frauen. Eine Frau als Vorbeterin einer gemischten Gemeinde ist dagegen in der islamischen Welt immer noch undenkbar.

Die Wurzeln der modernen islamischen Frauenrechtsbewegung reichen mehr als hundert Jahre zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts schrieben Feministinnen in Ägypten, durch den europäischen Einfluss inspiriert, Bücher und Artikel, die in gängigen Magazinen veröffentlicht und sowohl von Frauen und Männern gelesen wurden. Sie plädierten dabei für das Recht der Frauen auf Bildung und Arbeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die feministische Frauenbewegung zunächst in Vergessenheit. Wiederbelebt wurde sie Anfang der neunziger Jahre durch die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi. In ihren Büchern geht sie der Frage nach, wie sehr die Interpretation der islamischen Quellen durch Männer manipuliert und missbraucht worden war.

Zitat

„Verglichen mit der vorislamischen Stellung der Frau bedeutete die islamische Gesetzgebung einen enormen Fortschritt; die Frau hat das Recht, über das zu verfügen, was sie durch eigene Arbeit verdient hat.“

Annemarie Schimmel

Der Koran – ein Fortschritt für Frauen

Den muslimischen Feministinnen geht es vor allem darum, den Koran so zu deuten, wie es ursprünglich beabsichtigt war. Denn der Islam stärkte die Rechte der Frau: Galten sie in vorislamischer Zeit als Erbmasse, waren sie jetzt erbberechtigt – ein Privileg, das in vorislamischer Zeit nur Männern zugestanden wurde. Vorher gehörte die Frau zum Besitzstand des Mannes und wurde nach seinem Tod an die nächsten Verwandten mitvererbt. So schreibt die mittlerweile verstorbene Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel: „Verglichen mit der vorislamischen Stellung der Frau bedeutete die islamische Gesetzgebung einen enormen Fortschritt; die Frau hat – zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes – das Recht, über das zu verfügen, was sie in die Familie gebracht hat oder durch eigene Arbeit verdient hat.“ Auch in anderer Hinsicht bekamen die Frauen mehr Rechte. Die Mitgift wurde an die Frau gezahlt, nicht mehr an den Vater des Mannes. Die Ehe wurde ein ziviler Vertrag, dessen Gültigkeit von dem Einverständnis der Frau abhängig war. Zudem führte der Islam die Scheidung ein.

Ägyptische Autorin Nahed Salim

Feminismus – auch für Männer ein Gewinn

Die Protagonistinnen des islamischen Feminismus möchten daher die ihrer Ansicht nach geschlechtergerechte Botschaft des Korans wieder mit neuem Geist beleben. Dabei gibt es verschiedene Ansätze: Einige möchten Verse des Koran ignorieren, so wie die in Holland lebende ägyptische Autorin Nahed Salim: „Als eine emanzipierte Frau plädiere ich dafür, diejenigen Verse, die eine frauenfeindliche Botschaft beinhalten, nicht mehr zu beachten. Dies gilt für die Polygamie, die körperliche und seelische Züchtigung von Frauen und die Ungleichheit von Männern und Frauen vor Gericht.“ Eine problematische Forderung, denn für Muslime ist der Koran das wörtlich offenbarte Wort Gottes und somit unantastbar.

Historisches Dokument Koran

Auch Nehide Boskurt geht dies zu weit. Die Professorin an der Theologischen Universität in Ankara plädiert daher für einen anderen Weg. Sie möchte eine historische Einordnung der Verse: „Man kann die Verse nicht missachten. Ich bin Historikerin, und der Text liegt vor mir. Wie kann ich ihn somit denn nicht beachten? Ich denke, es ist eine Frage der Interpretation. Daher bin ich dafür, den historischen Kontext mehr herauszuarbeiten.“ Und die Wissenschaftlerin gibt auch ein konkretes Beispiel für ihren Ansatz: „Die Zeugenaussage von zwei Frauen entspricht der eines Mannes. Doch wir wissen, dass zu jener Zeit Frauen keine Erfahrungen in Bereich des Handels hatten. In diesem Zusammenhang sagt der Koran, wenn es um Geldgeschäfte geht, sollen zwei Frauen aussagen, damit die eine die andere erinnern kann. Damals waren die Frauen unerfahren, doch heute gibt es viele Frauen in Wirtschaftsunternehmen. Wie kann man da heute noch behaupten, zwei Frauen entsprächen einem Mann?“

In Deutschland sind es die Hamburger Imamin Halima Krausen und die Frauen um Rabeya Müller im „ZiF“, die sich für eine Neuinterpretation umstrittener Verse einsetzen. Beispiel ist der Vers 4, 34, in dem den Männern das Recht eingeräumt wird, ihre Frauen körperlich zu züchtigen: Der arabische Begriff „daraba“ hat neben „schlagen“, wie er üblicherweise übersetzt wird, auch die Bedeutung „prägen“ und „trennen“. In diesen Bedeutungen wird „daraba“ im Koran am häufigsten benutzt. „Wenn man sich jetzt den Kontext anguckt, wie es im Koran drinsteht – wenn es irgendwelche Zwistigkeiten gibt, sprecht erst miteinander, dann trennt euch zeitweilig – dann empfindet man es als absolut unlogisch, wenn dann kommt ‚dann schlagt sie‘. Wie um Gottes willen soll ein solcher Schlag eine Ehe retten?“, fragt Rabeya Müller.

Halima Kausen

Langer Weg zur Gleichberechtigung

Doch egal, ob die Verse des Koran weggelassen, historisch eingebettet oder neu interpretiert werden – eines wird deutlich: Es gibt viele Ansätze von Frauen in der islamischen Welt im Kampf um ihre Rechte und gesellschaftliche Gleichstellung. Doch immer noch haben diese Frauen es ungleich schwerer als ihre nicht-muslimischen Geschlechtsgenossinnen. Daher ist der Weg zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter in der islamischen Welt noch lang. Die Journalistin Nahed Selim zumindest ist in dieser Hinsicht optimistisch: „Ich denke, wenn man den Frauen mehr Kraft gibt, dann verstärkt man auch den Islam, denn Frauen stellen die Hälfte aller Muslime. Sie führen und erziehen ihre Kinder, und sie haben großen Einfluss in der muslimischen Gesellschaft. Wenn sie sich stark und glücklich fühlen und ihnen Gerechtigkeit widerfährt, dann wird die ganze islamische Gemeinschaft und auch der Islam gerecht behandelt.“

Mit Material von ZDF

Dieser erste Koran für Kinder und Erwachsene zeigt, dass die Lehren und Erzählungen des Korans für jedermann gut verständlich sind.

Durch die thematische Anordnung der Verse, die klare und verständliche Übersetzung sowie die knappe Erläuterungen bietet er einen einzigartigen Schlüssel, um das heilige Buch der Muslime kennen zu lernen.

Autorinnen: Lamya Kaddor und Rabeya Müller

Verlag C.H.Beck oHG

ISBN 978 3 406 57222 7 Preis: 19,95 €

Miteinander vor Gott, fünfte Feier
17. März 2019

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier
mit Pfarrer Hans Mörtter, Imamin Rabeya Müller,  Avi Applestein, Liberale jüdische Gemeinde Köln und Gila Enayati von der Bahai-Gemeinde

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

„Sehnsucht / Hoffnung – Liebe ist der Motor“

Bei unserer fünften Begegnungsfeier trafen sich erstmalig vier abrahamitische Religionen, um miteinander vor Gott zu stehen: Pfarrer Hans Mörtter und Imamin Rabeya Müller begründeten das Format, bei der vierten Feier beteiligte sich Günther Bernd Ginzel von der Liberalen jüdischen Gemeinde Köln daran, der dieses Mal aus gesundheitlichen Gründen allerdings absagen musste und herzliche Grüße an die Anwesenden ausrichten ließ. Statt seiner brachte sich sein Glaubensgenosse Avi Applestein ein. Die Vierte im Bunde war Gila Enayati von der Bahai-Gemeinde, einer Religion, die sich den abrahamitischen Monotheismus zu eigen machte, ihn aber auf ihre Art interpretiert.

Nach dem kürzlichen Attentat auf eine Moschee im neuseeländischen Christchurch kamen auch Sicherheitsbedenken für diese Veranstaltung auf. Menschen jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens sind global betrachtet immer wieder Opfer von Angriffen. Pfarrer Hans Mörtter spricht den Attentätern aber eine religiöse Motivation ab: „Solche Terroristen sind rechtsradikal. Das sind kranke Menschen, die eine Religion dazu missbrauchen, um ihre Morde zu rechtfertigen. Sie wollen, dass wir uns nicht sicher fühlen“. Der Israeli Avi Applestein meinte: „Gott hat uns Intelligenz und Dummheit geschenkt. Wir entscheiden uns immer wieder für die Dummheit und ziehen es vor, im Schmerz zu leben. Anstatt die Gemeinsamkeiten zu erkennen, forcieren wir viel zu sehr die Unterschiede“. Rabeya Müller rief zur „Aufrüstung“ auf: „Gemeint ist eine verbale Aufrüstung, denn zu schweigen, heißt, die anderen gewähren zu lassen“.
Hans Mörtter geht davon aus, dass unsere Gemeinde nicht bedeutsam genug ist, um in Gefahr zu sein: „Wir feiern. Hand in Hand. Miteinander. Wir sind Brüder und Schwestern in dieser Welt. Alles andere ist gelogen“. Für Hans Mörtter ist das nicht blauäugig: „Was nährt die Hoffnung? Unsere Liebe, unser Mitgefühl, unser Miteinander. Unser Mut, füreinander einzustehen, aufzustehen gegen Unrecht und Hass. Die Achtung, in der wir uns alle begegnen und die wir bekennend hochhalten“.

Und so feierten wir, auch im Anschluss im Gemeindesaal, wo die Liberalen Muslime Deutschlands wieder ein wunderbares Brunch aufgebaut hatte. Am Ende teilten wir uns gar nicht mehr in Christen, Muslime, Juden, Männer, Frauen oder andere ein. Wir waren einfach 280 Menschen, die mit ihrer Teilnahme an dieser Begegnungsfeier ein Zeichen gesetzt haben.

Zum Schluss noch ein wunderbares Beispiel jüdischen Humors. Avi Applestein erzählte diesen Witz: „Ein Rabbi ist unglücklich und spricht mit Gott: ‚O Gott, o Gott, was soll ich tun? Mein Sohn ist zum Christentum konvertiert?‘ Da antwortet Gott: ‚Was soll ich dazu sagen? Mein Sohn hat das auch getan’“.

Text: Helga Fitzner
Fotos: Lothar Wages (Bilder oben) und Miyesser Ildem

Der Ablauf der Begegnungsfeier im Einzelnen

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Imamin Rabeya Müller und Pfarrer Hans Mörtter gestalteten die Begegnungsfeier schon zum fünften Mal, Foto: Lothar Wages

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Imam Faizal beim Gebetsruf Azan, Foto: Lothar Wages

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Avi Applestein von der Liberalen jüdischen Gemeinde las den Psalm, Foto: Miyesser Ildem

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Kantor Thomas Frerichs sorgte am Klavier für die musikalische Begleitung, Foto: Lothar Wages

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Ein Jude, eine Muslima, eine Bahai-Anhängerin und ein Christ bei den Fürbitten, Foto: Lothar Wages

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Avi Applestein von der Liberalen jüdischen Gemeinde und Gila Enayati als Vertreterin der Bahai-Religion waren das erste Mal dabei, Foto: Lothar Wages

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Ein Teil des fantastischen Buffets, zu dem die Liberale muslimische Gemeinde eingeladen hatte, Foto: Helga Fitzner

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Die Gemeinde beim regen Austausch und genießen, Foto: Lothar Wages

Größte Gelehrte im Islam war eine Frau!

9. September 2021

Ich hoffe sehr auf die jungen Menschen, vor allen den jungen Frauen in aller Welt, dass Sie den Islam in die heutige Zeit holen und sich nicht mehr verdrängen lassen von den Männern, sondern sie Zeichen setzen. Ich frage mich oft, wie Mohammed wohl in der heutigen Zeit gelebt und gehandelt hätte. Danach muss man sein Wissen und Handeln ausrichten, der Koran gibt viele Hinweise darauf und er ist nicht rückwärtsgewandt, wie viele denken, sondern ein Buch der heutigen Zeit.

Frauen haben in früheren Zeiten gelehrt, haben Fatwas ausgesprochen, waren klug und weise, und haben auch Männern Unterricht erteilt. ‚A’ischa, die Frau des Propheten, sagte: „Wie großartig sind die Frauen der Ansar. Ihre Bescheidenheit hielt sie nicht davon ab, zu Gelehrten im Din zu werden.

“ Es gibt keinen Zweifel, dass der Islam die Wichtigkeit des Wissens betont. Jeder kennt den berühmten Ausspruch des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken:

„Suche Wissen, selbst wenn es in China ist.“

Der Qur’an befiehlt uns ebenfalls, Wissen zu suchen.

Allah sagt: „Sprich: Herr, mehre mein Wissen.“ (Ta-Ha, 114)

Die Bedeutung von Wissen und dessen Konsequenzen wird den ganzen Qur’an hindurch zum Ausdruck gebracht:

„Nur diejenigen, die Wissen haben, werden es begreifen“ (Al-Ankabût, 43)
und
„Und sie sagen, ‘Hätten wir nur zugehört und unseren Verstand gebraucht, so wären wir nicht unter den Leuten des Feuerbrandes’.“ (Al-Mulk, 10)

Die Liste der Ajat (Verse) über dieses Thema könnte immer weiter fortgeführt werden. Die Leute des Wissens sind „die Erben der Propheten“, wie der Gesandte Allahs gesagt hat. Er sagte auch:

„Wissen fügt dem Edlen Ehre hinzu und erhebt den Sklaven, bis er die Ebene von Königen erreicht.“

Der Befehl, nach Wissen zu streben, ist ebenso an die Frauen gerichtet.

Das Wissen ‘A’ischas über den Din ist berühmt. Der Prophet sagte zu seinen Gefährten:

„Nehmt die Hälfte eures Dins von Humaira (‘A’ischa).“

Und die Berichte, die uns von den Gefährten vorliegen, belegen das unbeschreibliche Maß von Wissen, über das sie verfügte.

Abu Musa Al-Asch’ari sagte:
„Wann immer wir, die Gefährten des Propheten, auf irgendeine Schwierigkeit bezüglich eines Hadith stießen, brachten wir es ‘A’ischa vor und fanden, dass sie eindeutiges Wissen darüber hatte.“

‘Urwa ibn Az-Zubayr stellte fest:
„Ich habe keinen größeren Gelehrten gesehen als ‘Ai’scha, was das Lernen des Qur’an betrifft, die Aufteilung der Erbschaft, erlaubte und verbotene Dinge, Poesie und Literatur, arabische Geschichte und Genealogie.“

Ibn Al-Dschauzi erwähnt eine Überlieferung von Hischam ibn ‘Urwa, dass dieser zu ‘A’ischa sagte:
„Umm! (Mutter, da sie als Frau des Propheten eine der „Mütter der Gläubigen“ ist) Ich bin nicht überrascht von deinem Wissen über Poesie, denn du bist die Tochter von Abu Bakr, und er war derjenige, der am meisten von allen Menschen über Dichtung wusste. Doch ich wundere mich über dein Wissen in Medizin.“

Sie klopfte ihm auf die Schulter und sagte:

„Der Gesandte Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, war am Ende seines Lebens krank, während die Delegationen der Araber aus allen Richtungen zu ihm kamen. Sie verschrieben Dinge für ihn und ich behandelte ihn entsprechend. Daher kommt es.“

Al-Qasim ibn Muhammad sagte:

„‘A’ischa übernahm das Geben von Fatwas (Rechtsgutachten) während der Khalifate Abu Bakrs, ‘Umars, ‘Uthmans und so weiter, bis sie starb.“

Bei Abu ‘Abdullah Al-Ghafiqi heißt es über ‘A’ischa:

„Sie hatte die meisten Überlieferungen vom Propheten und den meisten Fiqh (Rechtsverständnis) von denen, die Fatwa gaben. Sie wurde von Menschen aus den entferntesten Ländern zwecks Wissens von der Sunna und den Verpflichtungen aufgesucht. Sie erzählte alle Dichtungen der Araber mit großer Reinheit. Sie war wundervoll im Tafsir (Kommentar) des Qur’an und in eloquenter Ausdrucksweise. Sie hatte den reichsten Anteil von Wissen in Medizin.“

‘Urwa sagte:

„Nie sah ich jemanden mit mehr Wissen über das Erlaubte und Verbotene, Allgemeinwissen, Wissen über Dichtung und Medizin als ‘A’ischa.“

Masruq sagte,

„Ich sah die Gefährten ‘A’ischa über die Aufteilung der Erbschaft befragen.“

An-Nabulisi schreibt:

„Es gibt keinerlei Vorwurf oder Tadel für eine Frau, sich mit irgendeinem Aspekt des Strebens nach Wissen zu befassen und es zu lehren (…)

‘A’ischa pflegte die Wissenschaften zu interpretieren und herausragenden Männern Information über unklare Dinge zu geben.

(Von Aisha Bewley)

Kommentar:

Wo ist diese Auffassung in den Jahrhunderten geblieben, mit welchem Recht können die Männer sagen, Frauen dürfen nicht lehren und wenn, dann nur Frauen unterrichten, wo bei den Lebzeiten von Mohammed und unter den Kalifen, die Frauen sich überaus großes Wissen angeeignet haben und Fatwas ausgesprochen haben und Männern den Islam gelehrt haben.

Genauso verhält es sich mit der Trennung von Männern und Frauen, auch das war zu Mohammeds Zeiten nicht. Aber über die Jahrhunderte und der Einfluss der Kolonialzeit, wo die Europäern den arabischen Menschen ihre Auffassung von der Minderwertigkeit der Frau erklärten und danach handelten, hat sich das etabliert und gehört nicht in die heutige Zeit.

Ich hoffe sehr auf die jungen Menschen, vor allen den jungen Frauen in aller Welt, dass Sie den Islam in die heutige Zeit holen und sich nicht mehr verdrängen lassen von den Männern, sondern sie Zeichen setzen. Ich frage mich oft, wie Mohammed wohl in der heutigen Zeit gelebt und gehandelt hätte. Danach muss man sein Wissen und Handeln ausrichten, der Koran gibt viele Hinweise darauf und er ist nicht rückwärtsgewandt, wie viele denken, sondern ein Buch der heutigen Zeit.

Frauen um Mohammed

8. September 2021

Wir Muslime sollen nach dem Vorbild unseres Propheten, Friede und Heil auf ihn, leben. Das heißt nach der Sunna leben. Deswegen muss man viel über das Leben von Mohammed, Friede und Heil auf ihn, wissen, um ihm nachzueifern.

Islamisches Wort

Von Hilal Sezgin

Von dem Schriftsteller Edgar Allen Poe erschien 1844 die Kriminalgeschichte „Der entwendete Brief“. Darin sucht die Polizei lange vergeblich nach einem gestohlenen, geheimen Schriftstück. Erst der Detektiv Dupin kann es finden: Der Brief steckt in einer ganz normalen Ablage, genau dort, wo Briefe hingehören. Dass er so sichtbar war, war gerade der Grund dafür, dass ihn alle übersehen hatten.

Wir mussten diese Geschichte in der Schule lesen, und ich fand den beschriebenen psychologischen Mechanismus immer total unwahrscheinlich. Bis ich neulich die Parallele zu einem gewissen anderen Phänomen entdeckte. Ich überlegte nämlich, was wir TATSÄCHLICH über die Frauen in der Frühzeit des Islams wissen. Mohammed und die Frauen: Im Abendland wird diese Frage so stark mit dem Thema Polygamie assoziiert, dass man sich fast schon scheut, genauer hinzuschauen. Aber wagen wir es doch einfach mal!In erster Ehe war Mohammed mit einer reichen Frau namens Khadidscha verheiratet. Davor hatte er für sie als Karawanenführer gearbeitet. Als er sich bewährt hatte, machte sie ihm einen Heiratsantrag. Für sie war es bereits die dritte Ehe. Sie war, wir wissen es nicht genau, fünf oder möglicherweise auch fünfzehn Jahre älter als er. Als Mohammed seine erste Offenbarung erhalten hatte, war er furchtbar verunsichert, was ihm widerfahren war. Zu wem ging er, um sich Rat zu holen? Er ging zu Khadidscha.

Der Prophet Mohammed gibt seine Tochter Fatima zur Heirat mit seinem Cousin ʿAlī ibn Abī Tālib (aus der osmanischen Miniatur Siyer-i Nebi).

Man sollte diese Fakten ruhig einmal auf sich wirken lassen, und gern auch mit unseren heutigen Verhältnissen vergleichen. Mohammed liebte seine Chefin. Er hatte keinerlei Probleme damit, von ihr Anweisungen zu empfangen und diese auszuführen, und auch keins damit, dass sie es war, die Geschäft und Geld mit in die Ehe brachte. Da findet sich kein Fünkchen Machotum von wegen Familienernährer oder Familienoberhaupt. Da wird „weiblichen Führungskräften“ nicht insgeheim der Gehorsam verweigert. Und in dem Moment, als sein Leben eine – für ihn noch nicht ganz fassbare – Wendung nimmt, sucht er sich nicht etwa einen männlichen Berater, sondern bespricht die Sache mit seiner Frau.

Ich frage mich, wie viele vermeintlich moderne Männer – ob muslimisch oder nicht – so viel Kompetenz und sogar zeitweilige Überlegenheit seitens einer Frau akzeptieren – und sie dafür sogar lieben können!  Schließlich war es kein Mutter-Sohn-Verhältnis, der Ehe entsprangen mindesten fünf Kinder. Und weit davon entfernt, als „Jungfrau“ in die Ehe zu gehen, wie es heute offenbar viele alte Männer von ihren jungen Bräuten erwarten, war Khadidscha bereits mehrfache Mutter.

In späteren Jahren, Khadidscha war gestorben, heiratete Mohammed mehrere Frauen, die übrigens auch sämtlich verwitwet oder geschieden waren – und eine ganz junge: Aischa. Nach heutigen Maßstäben wäre sie noch ein Kind. Doch die Ehe mit dem wesentlich älteren Propheten scheint für Aischa keine Abhängigkeit bedeutet zu haben. Sie machte aus ihr kein braves Frauchen, keine stumme Maus, im Gegenteil. Nach Mohammeds Tod gehörte Aischa zu den ersten, wichtigen Interpretinnen und Interpreten des Korans und der Prophetenworte. Man hörte auf das, was sie zu sagen hatte. Später spielte sie eine entscheidende Rolle in der Opposition gegen den Kalifen Uthman, sprach sich dennoch gegen seine Ermordung aus – und führte danach den politischen und militärischen Aufstand gegen Ali an.

Frauen im Islam: in Augenhöhe mit den Männern.


Scharia

7. September 2021

Scharia – Auf vielen Wegen zur Wasserstelle –

6. September 2021

von Elisabeth Mariam Müller
Gesetze: Islamisches Recht ist alles andere als starr. Es lasst Spielraum für Interpretationen
  In der Wüste auf der Arabischen Halbinsel ist der Weg zur Wasserstelle der Weg zum Leben.

Zu Zeiten des Propheten Mohammed vor rund 1600 Jahren wie heute ist in dieser unwirtlichen Gegend jeder dem Tod geweiht, der ihn nicht kennt. Im Arabischen gibt es für den „Weg zur Wasserstelle“ ein einfaches Wort: Scharia.

Der „Weg zur Wasserstelle“ ist für Muslime im übertragenden Sinn also nicht nur der Weg zum Leben, sondern der Weg zu Gott.

Wer die Vorschriften der Scharia achtet, der lebt ein Leben nach den Regeln des Allmächtigen. Er kann auf Rettung hoffen, selbst in trockensten Zeiten.

So weit, so einfach. Doch längst ist das Wort „Scharia“ zu einem Kampfbegriff geworden, in dem es um viel mehr geht. Wenn muslimische Extremisten in Pakistan oder Afghanistan die Scharia einführen wollen, dann suchen sie nicht den Weg zur Wasserstelle und zu Gott.
Der Ruf nach der Scharia ist Symbol für ihren Griff nach der Macht und ihren Kampf gegen die Moderne und die Einflüsse des Westens. Das „Gesetz Gottes“ wenden sie in simplifizierter Form an. Es manifestiert sich in der Unterdrückung der Frau und archaischen Strafen: Hand abhacken bei Diebstahl, Steinigung bei Ehebruch.
Fatalerweise ist es den Extremisten gelungen, die Interpretationshoheit über die Scharia zu gewinnen. Als Scharia gilt, was sie zur Scharia erklären. Abweichler werden des Abfalls vom Glauben bezichtigt.

Daher ist die Scharia längst nicht auf wenige, einfache und brutale Strafen zu reduzieren. Im Gegenteil:Sie ist ein komplexes Gebilde, über das sich Gelehrte in verschiedenen Teildisziplinen der islamischen Rechtswissenschaft (Fiqh) seit Jahrhunderten streiten.

Aus der Scharia als von Gott geoffenbarte Ordnung ergibt sich beileibe kein starres, kodifiziertes und unveränderliches, geschweige denn ein in der islamischen Welt einheitliches Recht. Die Scharia beruht zwar unter anderem auf dem Koran, die die Muslime als das vom Menschen unbeeinflusste Wort Gottes betrachten.

Doch sind in dem Heiligen Buch nur wenige Normen und Regeln zu finden, die keiner Interpretation des Menschen bedürfen.

Vieles bleibt offen, vage oder ist gar nicht erwähnt. Selbst wenn eine Regelung eindeutig formuliert ist, bleibt häufig unklar, unter welchen Bedingungen sie gilt.  Hier müssen die muslimischen Rechtsgelehrten mit eigener intellektueller Anstrengung zu Antworten kommen.

Auch wenn häufig das Gegenteil behauptet wird: Das islamische Recht ist durchaus vom Menschen gemacht. Es kann sich deshalb auch an veränderte politische und gesellschaftliche Verhältnisse anpassen.
Manche Islamwissenschaftler sagen sogar: Die Regeln der Scharia sind immer so modern und so konservativ wie diejenigen, die das Wort Gottes auslegen.
So gibt es in der islamischen Welt ganz unterschiedliche Rechtstraditionen. Deutlich sind etwa die Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten. In der sunnitischen Rechtswissenschaft wiederum bildeten sich seit dem achten Jahrhundert n. Chr. vier große Rechtsschulen aus: die Hanafiten, die Malikiten, die Schafiten und die Hanabiten, jeweils benannt nach ihren Gründern.
Weil sie unterschiedlichen Lehrsystemen folgen, kommen sie teilweise zu völlig unterschiedlichen Reglungen. Das islamische Recht erhebt den Anspruch, nicht nur die Religion und ihren Ritus zu regeln, sondern alle Bereiche des menschlichen Lebens. Es befasst sich folglich mit Erbrecht, Ehe- und Familienrecht, Wirtschaftsrecht ebenso wie mit Straf-, Staats- und Verwaltungs- und Völkerrecht.

Dabei bewegen sich die Gelehrten nicht in einem luftleeren Raum, sondern sind an genau definierte Rechtsquellen gebunden. Fraglos ist der Koran der wichtigste dieser Quellen. Beinahe ebenso bedeutend ist die Sunna, also die Worte und Taten des Propheten Mohammed, die als Vorbild gelten. Beide Rechtsquellen sind für die Gelehrten jedoch mit erheblichen Problemen verbunden.

Im Koran zum Beispiel ist die Mehrheit der Regeln und Normen nicht nur mehrdeutig festgelegt – teilweise sind sogar gegensätzliche Vorschriften zu finden. So wird die Eigenschaft des Weins in Sure 16 gepriesen, während er in Sure 5 als „Gräuel von Satans Werk“ bezeichnet wird.

In solchen Fällen müssen die Rechtswissenschaftler entscheiden, welcher Vers einer Sure einen anderem abrogiert, also ungültig macht, zum Beispiel weil er Mohammed von Gott nach Auffassung muslimischer Experten später offenbart wurde.
So diskutieren die Rechtsgelehrten sehr lange die Frage, ob Alkohol generell oder nur Traubenwein verboten ist.

Widersprüchlich sind in vielen Fällen auch die Worte und Taten des Propheten. Die Sunna wirft darüber hinaus noch ein ganz anderes Problem auf. Weil ihr ein so hoher Stellenwert eingeräumt wird, entwickelte sich eine aktive Fälscherindustrie, die erdachte Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds in Umlauf brachte, um die eigene Meinung möglichst hieb- und stichfest zu untermauern.

Um diesem Problem Herr zu werden, entwickelte sich eine besondere Disziplin, die sich damit beschäftigt, „falsche“ von „richtigen“ Überlieferungen zu unterscheiden. Eine Prophetentradition gilt nur dann als „wahr“, wenn die Überlieferungskette (Isnad) lückenlos ist und die einzelnen Überlieferer zuverlässig sind.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass die Gelehrten auch in diesem Fall zu sehr unterschiedlichen Ansichten gelangen.
Zwei Fachleute, drei Meinungen – dieses abfällige Urteil über die Konsensfähigkeit der Experten ist (nicht nur) unter Muslimen weitverbreitet.

Dies gilt umso mehr, da Koran und Sunna längst nicht ausreichen, um das Leben der Muslime umfassend zu regeln. Beide Rechtsquellen können nur schwerlich beantworten, ob eine Frau Auto fahren darf, wie es in Saudi-Arabien diskutiert wurde.

Gestützt auf Koran und Sunna gilt deswegen der Konsens der Rechtsgelehrten (Idschma) als weitere Rechtsquelle.

Dabei stellt sich jedoch die Frage, welche Experten überhaupt übereinstimmen müssen, und wie ein Konsens festgestellt wird. Eine eindeutige Antwort lässt sich nicht finden. Einen „Konsens“ über den Konsens gibt es nicht.

Um zu gottgefälligen Normen und Regeln zu kommen, dürfen sich die Rechtsgelehrten auch des Analogieschlusses bedienen – die Regelung eines Falles darf auf einen anderen übertragen werden, soweit die beiden Fälle vergleichbar sind. Das Gewohnheitsrecht spielt ebenso eine Rolle, jedenfalls wenn es anderen Rechtsquellen nicht widerspricht. Auch regional unterschiedliche Bräuche fanden Einzug in das islamische Recht.
Vor allem in den frühen Jahren des Islam – als sich die verschiedenen Rechtschulen herausschälten – war es unter den Rechtsgelehrten gang und gäbe, durch eigene intellektuelle Leistungen zu Regeln zu kommen. Idschtihat nennt sich dieses eigenständige Räsonnement in der arabischen Fachsprache.

Je mehr sich jedoch die Rechtsschulen ausformten und auch in Konkurrenz zueinander standen, desto bedeutender wurde seit dem 10 Jahrhundert der „Taqlid“. Die mehr oder minder kritiklose Übernahme der Entscheidungen, die die Rechtsautoritäten bis dahin gefällt hatten. Das „Tor des Idschtihad“ schloss sich.

Umstritten unter Islamwissenschaftler ist jedoch bis heute, ob es gänzlich verrammelt war. Die islamische Reformbewegung, die sich im 19. Jahrhundert entwickelte, versuchte mit einigem Erfolg, es wieder aufzustoßen.

Islamische Reformer berufen sich heute im Wesentlichen auf den Idschtihad. Sie argumentieren, das islamische Recht müsse den Gegebenheiten der modernen Welt angepasst werden. Sie stoßen dabei auf heftigen Widerstand der Anhänger des Taqlid, die sich als Lordsiegelbewahrer der Tradition geben
  
    

Gebetsszeiten

4. September 2021
  • Die Zeiten der Gebete richten sich nach der Sonne