Protestantinnen im Islam

Theologin Rabeya Müller Imamin des LIB e.V.

im Gespräch im „Forum am Freitag“

Zur Auslegung der Sure 4:34 und zur umstrittenen korrekten  Übersetzung des Wortes „daraba“

Feministisch-islamische Theologie

Ähnlich wie Jüdinnen und Christinnen haben muslimische Frauen seit einigen Jahren die feministische Theologie für sich entdeckt. Sie möchten die Quellen des Islam, den Koran und die Sunna, von den jahrhundertealten patriarchalischen Interpretationen lösen, die ihrer Ansicht nach dazu dienten, die Macht der Männer gegenüber den Frauen zu erhalten und Frauen eine Beteiligung am gesellschaftlichen und religiösen Leben in großem Maße vorzuenthalten.

Die Quellen des Islam, so lautet ihre Überzeugung, garantieren Männern und Frauen jedoch die gleichen Rechte. „Wenn wir sagen, dass der Koran ein geschlechtergerechtes Buch ist, dass Gott ein geschlechtergerecht denkender Schöpfer ist, dann können wir nicht in der Praxis ein Geschlecht ungerecht behandeln“, so die Theologin Rabeya Müller vom Kölner Zentrum für Frauenforschung, kurz „ZiF“. Besonders die Stellen im Koran, die sich augenscheinlich frauenfeindlich äußern, müssen nach Auffassung der muslimischen Feministinnen neu interpretiert werden.

Miteinander vor Gott. Rabeya Müller und ev. Pfarrer Hans Mörtter in Köln

 „Mann muss die Muslime reformieren“

Kein männliches Deutungsmonopol

Sie möchten daher das Deutungsmonopol der Männer brechen. Zudem plädieren sie für einen Zugang zu den Ämtern, den ihnen die muslimischen Männer seit Jahrhunderten verwehren. Erst seit einigen Jahren können sich muslimische Frauen zu Theologinnen ausbilden lassen und auch als Geistliche arbeiten, allerdings nur für Frauen. Eine Frau als Vorbeterin einer gemischten Gemeinde ist dagegen in der islamischen Welt immer noch undenkbar.

Die Wurzeln der modernen islamischen Frauenrechtsbewegung reichen mehr als hundert Jahre zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts schrieben Feministinnen in Ägypten, durch den europäischen Einfluss inspiriert, Bücher und Artikel, die in gängigen Magazinen veröffentlicht und sowohl von Frauen und Männern gelesen wurden. Sie plädierten dabei für das Recht der Frauen auf Bildung und Arbeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die feministische Frauenbewegung zunächst in Vergessenheit. Wiederbelebt wurde sie Anfang der neunziger Jahre durch die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi. In ihren Büchern geht sie der Frage nach, wie sehr die Interpretation der islamischen Quellen durch Männer manipuliert und missbraucht worden war.

Zitat

„Verglichen mit der vorislamischen Stellung der Frau bedeutete die islamische Gesetzgebung einen enormen Fortschritt; die Frau hat das Recht, über das zu verfügen, was sie durch eigene Arbeit verdient hat.“

Annemarie Schimmel

Der Koran – ein Fortschritt für Frauen

Den muslimischen Feministinnen geht es vor allem darum, den Koran so zu deuten, wie es ursprünglich beabsichtigt war. Denn der Islam stärkte die Rechte der Frau: Galten sie in vorislamischer Zeit als Erbmasse, waren sie jetzt erbberechtigt – ein Privileg, das in vorislamischer Zeit nur Männern zugestanden wurde. Vorher gehörte die Frau zum Besitzstand des Mannes und wurde nach seinem Tod an die nächsten Verwandten mitvererbt. So schreibt die mittlerweile verstorbene Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel: „Verglichen mit der vorislamischen Stellung der Frau bedeutete die islamische Gesetzgebung einen enormen Fortschritt; die Frau hat – zumindest nach dem Buchstaben des Gesetzes – das Recht, über das zu verfügen, was sie in die Familie gebracht hat oder durch eigene Arbeit verdient hat.“ Auch in anderer Hinsicht bekamen die Frauen mehr Rechte. Die Mitgift wurde an die Frau gezahlt, nicht mehr an den Vater des Mannes. Die Ehe wurde ein ziviler Vertrag, dessen Gültigkeit von dem Einverständnis der Frau abhängig war. Zudem führte der Islam die Scheidung ein.

Ägyptische Autorin Nahed Salim

Feminismus – auch für Männer ein Gewinn

Die Protagonistinnen des islamischen Feminismus möchten daher die ihrer Ansicht nach geschlechtergerechte Botschaft des Korans wieder mit neuem Geist beleben. Dabei gibt es verschiedene Ansätze: Einige möchten Verse des Koran ignorieren, so wie die in Holland lebende ägyptische Autorin Nahed Salim: „Als eine emanzipierte Frau plädiere ich dafür, diejenigen Verse, die eine frauenfeindliche Botschaft beinhalten, nicht mehr zu beachten. Dies gilt für die Polygamie, die körperliche und seelische Züchtigung von Frauen und die Ungleichheit von Männern und Frauen vor Gericht.“ Eine problematische Forderung, denn für Muslime ist der Koran das wörtlich offenbarte Wort Gottes und somit unantastbar.

Historisches Dokument Koran

Auch Nehide Boskurt geht dies zu weit. Die Professorin an der Theologischen Universität in Ankara plädiert daher für einen anderen Weg. Sie möchte eine historische Einordnung der Verse: „Man kann die Verse nicht missachten. Ich bin Historikerin, und der Text liegt vor mir. Wie kann ich ihn somit denn nicht beachten? Ich denke, es ist eine Frage der Interpretation. Daher bin ich dafür, den historischen Kontext mehr herauszuarbeiten.“ Und die Wissenschaftlerin gibt auch ein konkretes Beispiel für ihren Ansatz: „Die Zeugenaussage von zwei Frauen entspricht der eines Mannes. Doch wir wissen, dass zu jener Zeit Frauen keine Erfahrungen in Bereich des Handels hatten. In diesem Zusammenhang sagt der Koran, wenn es um Geldgeschäfte geht, sollen zwei Frauen aussagen, damit die eine die andere erinnern kann. Damals waren die Frauen unerfahren, doch heute gibt es viele Frauen in Wirtschaftsunternehmen. Wie kann man da heute noch behaupten, zwei Frauen entsprächen einem Mann?“

In Deutschland sind es die Hamburger Imamin Halima Krausen und die Frauen um Rabeya Müller im „ZiF“, die sich für eine Neuinterpretation umstrittener Verse einsetzen. Beispiel ist der Vers 4, 34, in dem den Männern das Recht eingeräumt wird, ihre Frauen körperlich zu züchtigen: Der arabische Begriff „daraba“ hat neben „schlagen“, wie er üblicherweise übersetzt wird, auch die Bedeutung „prägen“ und „trennen“. In diesen Bedeutungen wird „daraba“ im Koran am häufigsten benutzt. „Wenn man sich jetzt den Kontext anguckt, wie es im Koran drinsteht – wenn es irgendwelche Zwistigkeiten gibt, sprecht erst miteinander, dann trennt euch zeitweilig – dann empfindet man es als absolut unlogisch, wenn dann kommt ‚dann schlagt sie‘. Wie um Gottes willen soll ein solcher Schlag eine Ehe retten?“, fragt Rabeya Müller.

Halima Kausen

Langer Weg zur Gleichberechtigung

Doch egal, ob die Verse des Koran weggelassen, historisch eingebettet oder neu interpretiert werden – eines wird deutlich: Es gibt viele Ansätze von Frauen in der islamischen Welt im Kampf um ihre Rechte und gesellschaftliche Gleichstellung. Doch immer noch haben diese Frauen es ungleich schwerer als ihre nicht-muslimischen Geschlechtsgenossinnen. Daher ist der Weg zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter in der islamischen Welt noch lang. Die Journalistin Nahed Selim zumindest ist in dieser Hinsicht optimistisch: „Ich denke, wenn man den Frauen mehr Kraft gibt, dann verstärkt man auch den Islam, denn Frauen stellen die Hälfte aller Muslime. Sie führen und erziehen ihre Kinder, und sie haben großen Einfluss in der muslimischen Gesellschaft. Wenn sie sich stark und glücklich fühlen und ihnen Gerechtigkeit widerfährt, dann wird die ganze islamische Gemeinschaft und auch der Islam gerecht behandelt.“

Mit Material von ZDF

Dieser erste Koran für Kinder und Erwachsene zeigt, dass die Lehren und Erzählungen des Korans für jedermann gut verständlich sind.

Durch die thematische Anordnung der Verse, die klare und verständliche Übersetzung sowie die knappe Erläuterungen bietet er einen einzigartigen Schlüssel, um das heilige Buch der Muslime kennen zu lernen.

Autorinnen: Lamya Kaddor und Rabeya Müller

Verlag C.H.Beck oHG

ISBN 978 3 406 57222 7 Preis: 19,95 €

Miteinander vor Gott, fünfte Feier
17. März 2019

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier
mit Pfarrer Hans Mörtter, Imamin Rabeya Müller,  Avi Applestein, Liberale jüdische Gemeinde Köln und Gila Enayati von der Bahai-Gemeinde

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

„Sehnsucht / Hoffnung – Liebe ist der Motor“

Bei unserer fünften Begegnungsfeier trafen sich erstmalig vier abrahamitische Religionen, um miteinander vor Gott zu stehen: Pfarrer Hans Mörtter und Imamin Rabeya Müller begründeten das Format, bei der vierten Feier beteiligte sich Günther Bernd Ginzel von der Liberalen jüdischen Gemeinde Köln daran, der dieses Mal aus gesundheitlichen Gründen allerdings absagen musste und herzliche Grüße an die Anwesenden ausrichten ließ. Statt seiner brachte sich sein Glaubensgenosse Avi Applestein ein. Die Vierte im Bunde war Gila Enayati von der Bahai-Gemeinde, einer Religion, die sich den abrahamitischen Monotheismus zu eigen machte, ihn aber auf ihre Art interpretiert.

Nach dem kürzlichen Attentat auf eine Moschee im neuseeländischen Christchurch kamen auch Sicherheitsbedenken für diese Veranstaltung auf. Menschen jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens sind global betrachtet immer wieder Opfer von Angriffen. Pfarrer Hans Mörtter spricht den Attentätern aber eine religiöse Motivation ab: „Solche Terroristen sind rechtsradikal. Das sind kranke Menschen, die eine Religion dazu missbrauchen, um ihre Morde zu rechtfertigen. Sie wollen, dass wir uns nicht sicher fühlen“. Der Israeli Avi Applestein meinte: „Gott hat uns Intelligenz und Dummheit geschenkt. Wir entscheiden uns immer wieder für die Dummheit und ziehen es vor, im Schmerz zu leben. Anstatt die Gemeinsamkeiten zu erkennen, forcieren wir viel zu sehr die Unterschiede“. Rabeya Müller rief zur „Aufrüstung“ auf: „Gemeint ist eine verbale Aufrüstung, denn zu schweigen, heißt, die anderen gewähren zu lassen“.
Hans Mörtter geht davon aus, dass unsere Gemeinde nicht bedeutsam genug ist, um in Gefahr zu sein: „Wir feiern. Hand in Hand. Miteinander. Wir sind Brüder und Schwestern in dieser Welt. Alles andere ist gelogen“. Für Hans Mörtter ist das nicht blauäugig: „Was nährt die Hoffnung? Unsere Liebe, unser Mitgefühl, unser Miteinander. Unser Mut, füreinander einzustehen, aufzustehen gegen Unrecht und Hass. Die Achtung, in der wir uns alle begegnen und die wir bekennend hochhalten“.

Und so feierten wir, auch im Anschluss im Gemeindesaal, wo die Liberalen Muslime Deutschlands wieder ein wunderbares Brunch aufgebaut hatte. Am Ende teilten wir uns gar nicht mehr in Christen, Muslime, Juden, Männer, Frauen oder andere ein. Wir waren einfach 280 Menschen, die mit ihrer Teilnahme an dieser Begegnungsfeier ein Zeichen gesetzt haben.

Zum Schluss noch ein wunderbares Beispiel jüdischen Humors. Avi Applestein erzählte diesen Witz: „Ein Rabbi ist unglücklich und spricht mit Gott: ‚O Gott, o Gott, was soll ich tun? Mein Sohn ist zum Christentum konvertiert?‘ Da antwortet Gott: ‚Was soll ich dazu sagen? Mein Sohn hat das auch getan’“.

Text: Helga Fitzner
Fotos: Lothar Wages (Bilder oben) und Miyesser Ildem

Der Ablauf der Begegnungsfeier im Einzelnen

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Imamin Rabeya Müller und Pfarrer Hans Mörtter gestalteten die Begegnungsfeier schon zum fünften Mal, Foto: Lothar Wages

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Imam Faizal beim Gebetsruf Azan, Foto: Lothar Wages

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Avi Applestein von der Liberalen jüdischen Gemeinde las den Psalm, Foto: Miyesser Ildem

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Kantor Thomas Frerichs sorgte am Klavier für die musikalische Begleitung, Foto: Lothar Wages

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Ein Jude, eine Muslima, eine Bahai-Anhängerin und ein Christ bei den Fürbitten, Foto: Lothar Wages

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Avi Applestein von der Liberalen jüdischen Gemeinde und Gila Enayati als Vertreterin der Bahai-Religion waren das erste Mal dabei, Foto: Lothar Wages

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Ein Teil des fantastischen Buffets, zu dem die Liberale muslimische Gemeinde eingeladen hatte, Foto: Helga Fitzner

Christlich-muslimisch-jüdische Begegnungsfeier,

Die Gemeinde beim regen Austausch und genießen, Foto: Lothar Wages

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