Das Universum in Gottes Schemel
Prof. Behnam Sadeghi, Ph.D.

Mit Schemel ist hier das gemeint, was ein König vor seinem Thron stellte, um seine Füße darauf ruhen zu lassen. Wenn man sagt, das Universum sei in Gottes Schemel enthalten, illustriert das Gottes Größe im Vergleich zum Menschen und zur Welt.
 
Vormoderne Koranexegeten stimmen darin überein, dass der Vers Gottes glorifiziere. Bei der Frage ob der Schemel oder – weiter gefasst – der gesamte Thron tatsächlich existiert oder ob es sich um eine Metapher handelt, verraten sie indes unterschiedliche Auffassungen. Die Interpretationen lassen sich in ein Spektrum einordnen, das von der rein metaphorischen bis zur rein Buchstabengetreuen und gegenständlichen Auslegung reicht.
 
Auf der einen Seite des Spektrums stehen einige frühe Vertreter der sogenannten ahl al-hadith -zu Deutsch: „Anhänger der prophetischen Tradition“. Sie überlieferten Berichte, die besagten: Als Gott auf dem Thron saß, “blieb davon so viel Platz übrig, wie vier Finger einnehmen“, und „es gab ein Knirschen ähnlich dem eines neuen Kamelsattels unter der Last eines Reiters“. Indem solche Überlieferungen Dimensionen und Geräusche beschreiben, implizieren sie, dass Gott in einem physikalischen Sinn auf einem Thron sitzt.
 
Eine solche Auffassung durfte allerdings nur eine Minderheit unter den „Anhängern der prophetischen Tradition“ vertreten haben. Für die meisten hat Gott keinen Körper und sitzt nicht auf einen Thron, wie ein Mensch es tun würde. Die Mehrheit ging zwar auch davon aus, dass Gott prinzipiell auf einen Thron sitzt, sie lehnte es aber ab, darüber zu spekulieren, wie oder in welchem Sinn er das tut.
 
Auf der anderen Seite des Spektrums steht die metaphorische Auslegung einer Gruppe. Die Mu‘taziliten genannt wurde. Die Mu‘taziliten interpretierten Verse, die Gott menschenähnlich (anthropomorph)beschreiben, stets metaphorisch. Sie glaubten, dass koranische Aussagen wie: Gott habe Hände, befinde sich an einem Ort oder bewege sich von einem Ort zum anderen, im übertragenen Sinne verstanden werden müssen.  Sie verneinten also, dass es einen Thron beziehungsweise einen Schemel gibt. Für sie steht der Schemel für Gottes Würde, Wissen oder Herrschaft, nicht für einen echten Gegenstand.
 
Was das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Ansichten führt, oft zum Entstehen von Zwischenpositionen, die jeweils Elemente beider Seiten kombinieren. So kamen zwei neue Gruppierungen auf, genannt Aschariten. Und Maturiditen. Sie interpretierten den Begriff. „Thron“, wortwörtlich, Gottes Sitzen jedoch metaphorisch. Sie glaubten zwar, wie die Anhänger der prophetischen Tradition (ahl al-hadith), dass es tatsächlich einen Thron und einen Schemel gibt. Aber wie die Mu‘taziliten glaubten sie nicht, dass Gott wirklich auf dem Thron sitzt, denn Gott ist weder physisch, noch nimmt er Raum ein.
 
Was mag die ascharitischen und die maturitditischen Theologen zu dieser Annahme bewogen haben? Im Prinzip bestand darin, die wortwörtliche Bedeutung so lange zu akzeptieren, bis diese, mit der man mit dem menschlichen Wissen kollidiert.
 
Die Existenz eines kosmischen Throns und Schimmels widersprach vor 1000 Jahren nicht dem menschlichen Wissen. Schließlich konnte die Existenz durch Beobachtung weder widerlegt noch gestützt werden. Folglich konnte man die wörtliche Bedeutung akzeptieren.
 
Aber die Idee, dass Gott auf einem Thron sitzt, verletzte nach Auffassung dieser Theologen, das durch menschliche Vernunft gewonnene Wissen. Denn ein ewiges Wesen kann nicht physischer Natur sein. Um ihre These vom ewigen Wesen zu belegen, nutzen Sie philosophisches Denken, dass griechischen Vorstellungen der Antike ähnelt.
 
Es hat verschiedene Ansätze zur Interpretation des Korans gegeben. Aber eines haben all gemein: Sie gründen auf frühere Vermutungen über die Sprache, die Welt und über Gott. Denn letztlich ist es schlicht unmöglich, einen Text zu interpretieren, ohne dabei Vermutungen zu tätigen.
(Aus dem Buch: “Koran erklärt“ Suhrkamp-Verlag.)

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