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General-Anzeiger Bonn vom 28./29.012012

2. März 2012

Elisabeth Müller sitzt im Wohnzimmer ihres Reihenhauses in Niederkassel-Lülsdorf.

Fernsehsessel, rustikale Schrankwand, im Regal eine kleine Marienstatue mit Rosenkranz. Auf dem Tisch steht Filterkaffee.

Nichts deutet darauf hin, dass sie vor zehn Jahren zum Islam übergetreten ist.

„Ich will ja niemanden mit meiner Religion auf den Nerv gehen“, sagt Müller. Vor allem nicht ihrem christlichen Ehemann.

Frau Müller hat sich im Dachgeschoss ihr eigenes religiöses Reich geschaffen. Hier liegt der kleine Gebetsteppich, ausgerichtet gen Mekka, an der Wand hängen Bilder mit Koranversen in arabischer Schrift. In den Regalen reiht sich die Fachliteratur aneinander: Frau im Islam, die Überlieferungen des Propheten, Muslime in Deutschland. Viele Bücher sind mit Lesezeichen und Klebezettel gespickt. „Der Koran ist ein ziemlich modernes Buch“, sagt Elisabeth Müller. „Man muss es nur erst einmal herausfinden.“

Für die Neu-Muslima hat Glauben viel mit Denken zu tun. Der Religionswechsel war keine Spontanentscheidung. Es war der Abschluss einer jahreslangen Beschäftigung mit dem Islam, sagt Müller.
Und es war ein Weg der streckenweise steiniger ausfiel, als sie es erwartet hatte.

Müller ist mit dem christlichen Glauben groß geworden. Sie wuchs in Bad Godesberger Stadtteil Rüngsdorf im katholischen Pfarrhaus ihres Onkels auf.
Die vielen Fragen kamen erst, als Elisabeth Müller längst als verheiratete Frau in Niederkassel lebte.
„Damals erschossen sich die Christen im Nordirland-Krieg, im Libanon segneten Priester Kreuze an Gewehren.“ Irgendwann habe sie der Institution katholische Kirche nicht mehr angehören wollen, sagt die ehemalige Bilanzbuchhalterin.
Im Studium Generale an der Universität Bonn belegt sie einen Kurs über die Religionen der Welt.
„Mir fehlte etwas“, sagte sie. Ich war nicht ganz glücklich.“

Das Interesse am Islam überdauert den Kurs.
Irgendwann stellt Elisabeth Müller fest: „Ich bin eigentlich schon eine Muslima.“
Erzählt hat sie niemanden davon. „Das war meine ureigenste Angelegenheit.“ Müller, damals seit mehr als 30 Jahre SPD-Mitglied und Stadträtin, sucht den Kontakt zur islamischen Gemeinde ihrer Heimatstadt. Und irgendwann spricht sich ihr Seitenwechsel herum. „Dann ging es so richtig los“, erinnert sich Müller.

Die haben mich für bekloppt erklärt.“ Es kommt zum Streit mit den Parteifreunden, die engagierte Lokalpolitikerin tritt aus der SPD aus. „Ich hab mich so richtig aufgeregt“ sagt Müller und ihre braunen Augen blitzen hinter dem Goldrahmen der randlosen Brille auf. Es dauert, bis Müller wieder eine Gemeinschaft findet, die ihr zur Heimat wird.

Die 70-Jährige ist so herzlich und aufgeschlossen wie in der Sache kompromisslos. Auch die Zusammenarbeit mit den Menschen in der türkisch geprägten Niederkasseler Moschee gestaltet sich zunehmend schwierig. „Hier wird wenig für Muslime angeboten, die Deutsch sprechen“, sagt sie. Die von Traditionen geprägte Religiosität spiegel „nicht den Koran, den ich gelesen habe“.

Erst mit dem Liberal-Islamischen Bund, einer Organisation von Muslimen mit vorwiegend akademischen Hintergrund, findet sie ihre religiösen Ansichten wieder.

Aber für ihren Glauben braucht Müller ohnehin keine weltliche Organisation.

„Das ist ja das Schöne am Islam“, sagt sie. „Man ist als Muslim für sich selber vor Gott verantwortlich.“

Für die fünf vorgeschriebenen Gebete am Tag taugt das Dachgeschoss im Reihenhaus genauso gut wie die Moschee. Sie genießt vor allem diese regelmäßigen Rückzüge aus den Gedanken des Alltags. „Bei den Gebeten fällt jeder Ärger von einem ab“, sagt sie. „Man wird ruhig.“     Rund zehn Minuten dauern die mediativen Pausen im Niederkasseler Dachgeschoss.
Wenn möglich richtet Müller sich nach dem Kalender, der für jede Stadt die genauen Zeiten auflistet, wann sich alle Moslems weltweit gemeinsam gen Mekka richten.

Nach dem Gebet steigt sie die enge Holztreppe wieder herunter zu ihrem Mann, dem Geschäftsführer des Bürgervereins Lülsdorf/Ranzel. Er akzeptiert die neue Religion seiner Frau. Und umgekehrt. „Wenn er Schweinebraten haben will, dann kriegt er den“, sagt Müller und lacht laut.
Artikel von Delphine Sachsenröder geschrieben und veröffentlich am 28./29.01.2012

Muslime werden von den Verbänden bevormundet!

27. August 2011

Muslime sehen sich bevormundet                                                                    

„Es geht um eine offene Pädagogik, in der die Erziehung zu eigener Verantwortung im Vordergrund steht.“

RELIGIONSUNTERRICHT        Liberale Verbände:
Ministerin Löhrmann setzt zu stark auf Konservative

VON ASTRID WIRTZ

Köln. Gegen die Pläne der rot-grünen Landesregierung für den islamischen Religionsunterricht an nordrhein-westfälischen Schulen regen sich bei einem Teil der Muslime jetzt Widerstand und Besorgnis. In einem offenen Brief an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft werfen der Liberal Islamische Bund (LIB) und der Verband Demokratisch-Europäischer Muslime (VDEM) der Regierung eine einseitige Bevorzugung der „traditionell-konservativen“ Islamverbände vor. Und auch an der Basis bei den bislang im Rahmen eines Schulversuchs tätigen rund 80 Islamkunde-Lehrern wächst das Unbehagen.

Stein des Anstoßes ist der achtköpfige Beirat, der über die religiösen Inhalte und die Bestellung des Lehrpersonals für den künftigen islamischen Religionsunterricht in NRW entscheiden soll. Dieser soll zum Schuljahr 2012/2013 als ordentliches Lehrfach flächendeckend eingeführt werden. In diesem Beirat sollen die vier eher traditionell-konservativen Islamverbände (Ditib, Zentralrat der Muslime, Islamrat und VIKZ) je ein Mitglied entsenden dürfen. Die anderen vier Plätze werden zwar von der Landesregierung besetzt, aber nur – und das macht die Besorgnis aus – im Einvernehmen mit den Verbänden.

Auf diese Weise werde die Dominanz der Konservativen zementiert, argumentieren die Kritiker. Das erscheint den liberalen Gruppen umso bitterer, als die Dachverbände auch nach Einschätzungen des Bundesinnenministeriums allenfalls 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vertreten.

Muslime, die „eigene praktische, theologische und philosophische Vorstellungen vertreten“, die sich von denen der Verbände unterschieden, wären von der Entwicklung des Unterrichts damit ausgeschlossen, heißt es in dem Brief der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, die für den LIB spricht, und von Hadi Schmidt-El Khaldi vom VDEM. Man sähe sich, würden die Pläne weiter verfolgt, genötigt, Schritte einzuleiten, „um wie die Aleviten einen eigenen Religionsunterricht zu organisieren und einzufordern“.

Dabei sollte der Beirat der Politik aus einem alten Dilemma heraus helfen. Seit Jahren nämlich fehlt es an einem verbindlichen gemeinsamen Ansprechpartner unter den Muslimen. Die vier großen Islamverbände sind bisher, trotz ihres Zusammenschlusses im Koordinierungsrat der Muslime, nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Lange Zeit fehlte es den staatlichen Stellen an Vertrauen, den Verbänden den Auftrag für die Gestaltung der Inhalte eines solchen Unterrichts zu überlassen. Einer der Verbände wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Andere werden vom türkischen Staat gelenkt. Grundsätzlich gibt es in allen Alt-Verbänden neben den Orthodoxen auch liberalere Vertreter, die aber nach außen eher selten als Wortführer auftreten.

Über Modellprojekte wie den Islamkunde-Unterricht, ein wertneutraler, religionskundlicher Unterricht, kam deshalb auch NRW bisher nicht hinaus. Doch gibt es ein grundgesetzlich verankertes Recht der Religionsgemeinschaften auf bekenntnisorientierten Religionsunterricht. Und weil der Staat aus Gründen der Gleichbehandlung mit den christlichen Kirchen und den anderen Religionsgemeinschaften – unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechts – keine religiösen Unterrichtsinhalte festlegen darf, braucht er Ansprechpartner. Wenn jetzt allein die konservativen Verbände Einfluss auf die Lehrpläne und die Auswahl der Lehrkräfte erhielten, würden Generationen von Jugendlichen von deren Vorstellungen geprägt, findet auch eine Islamkunde-Lehrerin aus Krefeld. „Wenn die erst mal im Sattel sitzen, ist es schwer, sie wieder loszuwerden.“ Aus Furcht vor möglichen Nachteilen will die bekennende Muslimin und Realschullehrerin ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. Denn ob sie selbst, die kein Kopftuch trägt, den Gestellungsvertrag durch den Beirat erhielte, erscheine ihr zumindest fraglich. „Ich mache mir große Sorgen.“ Diese Leute, sagt sie mit Blick auf die Vertreter der konservativen Verbände, sähen den Koran wie ein Regelwerk und nicht wie eine Offenbarung.

Dass Verbandsvertreter künftig über eine Schulpraxis mitreden sollten, von der sie keine Ahnung hätten, empört auch den erfahrenen Pädagogen Bernd Ridwan Bauknecht. „Keiner von denen hat bisher einen Islamkunde-Unterricht besucht“, sagt er. „Die wissen nicht, was in der Schule abgeht.“ Außerdem seien neue Lehrpläne nicht nötig.  

Die Curricula der Islamkunde könnten ohne Abstriche für einen künftigen Religionsunterricht übernommen werden, findet er. „Denn Ziel einer islamischen Religionspädagogik kann nicht die Erziehung zum Glauben sein.“ Religionsunterricht müsse als Erfahrungsraum erlebt werden. So erzählen die Lehrer, die teils seit Jahren das Fach unterrichten, dass sich fast 90 Prozent der Themen im Islamkunde-Unterricht um die Frage drehe, was Sünde sei und was nicht. Das sei es, was die jungen Menschen bewege, die oft in einem Spannungsfeld zwischen Tradition, strenger Religiosität und modernem Umfeld stünden.

„Aber es geht nicht darum, was man darf und was man nicht darf“, sagt seine Kollegin aus Krefeld. 

„Es geht um eine offene Pädagogik, in der die Erziehung zu eigener Verantwortung im Vordergrund steht.“

Und deshalb erteile sie zum Beispiel auch keinen Rat, das Kopftuch zu tragen oder nicht. Das sei keine Regel und deshalb eben nicht wie bei der Anschnallpflicht im Auto. Es sei eine Frage der Interpretation. Und die müsse im Unterricht offen bleiben, wolle man die jungen Leute zu selbstständigen und toleranten Menschen erziehen. Und auch die Frage, darf ich einen Freund vor der Ehe haben, sei nicht von ihr zu beantworten. „Bei Schülern einer Klasse 11 kann Verantwortung dann auch Verhütung heißen“, sagt der Muslim Bauknecht.

Was von dieser Pädagogik bei einem von den Alt-Verbänden dominierten ordentlichen Schulfach Religion übrig bliebe, ist nun die Frage. Die notwendige Debatte über eine zeitgemäße, historisch-kritische Interpretation des Koran wird von ihnen jedenfalls nicht geführt. Dafür aber zunehmend von jungen Wissenschaftlern und Theologen an den mittlerweile vier Zentren für Islamstudien in Deutschland, wo auch die künftigen Lehrer ausgebildet werden.

Die Landesregierung nun baut darauf, dass man sich mit den Alt-Verbänden bei der Besetzung des Beirats schon einig würde, auch über die Berufung progressiver Leute. Und wo sollen so schnell all die Lehrer für einen flächendeckenden Unterricht herkommen? Bis genug Absolventen bereitstehen, wird es dauern. Imame, da hat sich Schulministerin Sylvia Löhrmann bei einer Podiumsdiskussion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ schon festgelegt, werden jedenfalls nicht in die Bresche springen.

Das Ministerium äußerte sich am Freitag nicht zu dem Brief. Es verwies lediglich auf die Anhörung zum Thema, die für September im Landtag vorgesehen ist.

Mein Kommentar zur dem Zeitungsartikel des Kölner Stadtanzeigers:

Ich möchte nicht, das irgendein Staat sich in unsere Lehrpläne einschaltet, wir haben genügend Menschen, die nicht staatlich gelenkt sind, die durchaus in der Lage sind, den Inhalt des Religionsunterrichts zu gestalten und zu entscheiden, wer als Lehrkraft oder wer an dem Beirat teilnehmen darf.  Es darf nicht dazu kommen, dass nur die 4 Verbände das Sagen bekommen. Dass ist verheerend.

Man sieht es daran, was die „DITIB“ für Imame nach Deutschland geschickt hat. Die, die ich kennen gelernt habe, können kein deutsch, teils haben sie nur 3 Monate Vorbereitung bekommen um nun 5 Jahre hier das religiöse Leben zu gestalten. Sie haben immer noch nicht begriffen, dass das den Zusammenhalt und den Dialog nicht fördert, gut finde ich das die Landesregierung ausschließt, dass  diese Imame Religionsunterricht in den Schulen geben dürfen.

Fazit: Ich bin dagegen, dass ein Staat hier das Sagen bekommt, was Kinder hier in Deutschland gelehrt bekommen.

http://www.muslime-in-niederkassel.de

Kommentar:

Hallo an alle, ich habe nicht die Zeit, weiter eine Diskussion zu führen, dass sollten wir an anderer Stelle machen. Vielleicht eröffnet ihr einen Dialog mit dem Verantwortlichen des LiB e.V., da seid ihr sicher richtiger. Wie gesagt, mir fehlt die Zeit, und ich entschuldige mich, dass ich es vorher nicht angekündigt habe.
Wünsche Euch eine schöne Zeit.